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Viele Menschen finden keinen bezahlbaren Wohnraum und werden obdachlos.

Interview

Wohnungsnot in Mörfelden-Walldorf - "Auch ganze Familien sind obdachlos"

Auch in Mörfelden-Walldorf wächst die Wohnungsnot und hat teilweise dramatische Folgen. Ein Gespräch mit dem Leiter des Wohnungsamtes darüber, wie man die Situation in den Griff bekommen könnte.

Rund 120 Obdachlose gibt es derzeit in Mörfelden-Walldorf. Was die Stadt tut, um ihnen zu helfen, und wie sie versucht, dem Problem "Wohnungsnot" Herr zu werden, erläutert Heimo Boschert, Leiter des Sozial- und Wohnungsamts, im Gespräch mit Redakteurin Christiane Hocke.

Herr Boschert, warum gelingt es in einer wirtschaftsstarken Region wie dem Rhein-Main-Gebiet, darunter Mörfelden-Walldorf, nicht, den zuziehenden Menschen genügend Wohnungen zur Verfügung zu stellen?

Es zieht zwar immer mehr Leute hierher, aber die Grundstücksfläche ist nicht beliebig vermehrbar. Eine Möglichkeit, auf den Wohnungsmangel zu reagieren, ist Verdichtung. Das passiert sehr massiv. Immobilienfirmen kaufen Grundstücke mit alten Häusern drauf, reißen diese ab und bauen neue, größere Häuser. Wenn man aber gerne die alte Idylle erhalten will, aber trotzdem wachsen muss, damit auch Geschäfte im Ortskern eine Chance haben, zu überleben, dann muss auch der Stadtkern verdichtet werden. Das kommt nicht bei allen Leuten gut an. 

Heimo Boschert, Leiter des Sozial- und Wohnungsamts. Foto: Hocke

Bei der Umwidmung von Gewerbeflächen in Wohnfläche bräuchte es einen Beschluss für die Änderung des regionalen Flächennutzungsplans und den Beschluss des Stadtparlaments. Und man benötigt, wenn man mehr Menschen beherbergt, mehr soziale Infrastruktur, beispielsweise Kitas. Dazu braucht die Kommune aber auch die entsprechenden Einnahmen, um diese soziale Infrastruktur liefern zu können. Sie können also nicht ohne weiteres Industrie- oder Gewerbegebiete rückwidmen.

Warum sind so viele Menschen auf Sozialwohnungen angewiesen?

Weil sie sich heutzutage auf dem freien Markt keine bezahlbare Wohnung mehr leisten können. Wer früher ein niedriges Einkommen hatte, hatte auf dem Markt, wo es noch viele einfache Wohnungen für eine Kaltmiete von sechs Euro pro Quadratmeter gab, bessere Chancen. Wenn aber zurzeit in Mörfelden-Walldorf Wohnungen ab zehn Euro pro Quadratmeter kalt vom Markt gehen, finden diese Menschen nichts mehr. Von daher rutschen diejenigen, die früher eine einfache und preiswerte Wohnung gefunden hätten, in den Bereich derjenigen, die auf eine Sozialwohnung angewiesen sind.

Zurzeit gibt es rund 120 Obdachlose in Mörfelden-Walldorf, darunter etwa 30 Kinder und Jugendliche. Wie wird diesen Menschen geholfen?

Die neue Erkenntnis für uns ist: Obdachlose sind nicht mehr nur die alleinlebenden, Alkohol trinkenden Männer. Die gibt es immer noch. Aber es ist tatsächlich so, dass wir inzwischen einen großen Anteil von Alleinerziehenden mit Kindern oder auch ganze Familien haben. Auch die Verweildauer in den Obdachlosenunterkünften hat sich verlängert. Die lag früher zwischen vier und sechs Monaten. Diese Fluktuation gibt es jetzt gar nicht mehr. Die Menschen bleiben über Jahre hinweg in der Obdachloseneinrichtung, haben sehr geringe Chancen, eine angemessene, kleine Wohnung zu finden, und wir stellen ein großes Maß an Resignation und Apathie fest. Das war für uns der Punkt zu sagen, wir unterstützen die Menschen mit sozialpädagogischer Hilfe und haben dafür eine Stelle Krisenintervention Erwachsene geschaffen. Der Gedanke war, je früher man von einer drohenden Räumung hört, desto früher kann man intervenieren.

Was entgegen Sie den Menschen, die behaupten, die Flüchtlingssituation sei Schuld daran, dass sie selbst keine Wohnung finden?

Das ist objektiv nicht richtig. Das Obdachlosenthema ist älter als das Flüchtlingsthema. Wir haben wegen des verstärkten Zuzugs einen zunehmenden Druck auf den Wohnungsmarkt seit dem Jahr 2010. Jedes Jahr sind es 3000 Menschen, die in den Landkreis Groß-Gerau ziehen. Davon eben auch ein Teil nach Mörfelden-Walldorf. Der Zuzug der Flüchtlinge begann aber erst im Spätherbst 2014. Davor gab es auch schon Wohnungsnot, steigende Mieten und steigende Grundstückspreise. Um der Neiddebatte vorzubeugen, achten wir bei der Vergabe von Sozialwohnungen sehr genau darauf, dass Flüchtlinge nicht bevorzugt werden. Wer ein Jahr in Mörfelden-Walldorf lebt, kann einen Wohnberechtigungsschein beantragen und kriegt ihn auch, wenn er in den Einkommensgrenzen liegt. Das trifft natürlich auf ganz viele Geflüchtete zu. Aber von den 30 Familien, die jetzt in die Sozialwohnungen am Festplatz eingezogen ist, waren nur vier geflüchtete Familien.

Ist Obdachlosigkeit auch ein gesellschaftliches Problem? Führt die Individualisierung dazu, dass das, was früher Familien und Freunde auffangen konnten, wegfällt?

Ja, wer heute obdachlos ist, hat ganz häufig keinen weiteren familiären Zusammenhalt. Wer schon seit Generationen in Mörfelden oder Walldorf wohnt, hat oft die Möglichkeit, irgendwo unterzukommen. Insofern: Ja, die Individualisierung der Gesellschaft begünstigt die Obdachlosigkeit. Wenn wir Sozialarbeiter tätig werden, setzten wir an diesem Punkt an. Wir möchten die Menschen aus ihren Obdachlosenunterkünften herausholen und wieder in Kontakt zu anderen Menschen bringen und ihnen eine geregelte Alltagsstruktur schaffen.

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Was sind Ihre Ideen, um das Thema Wohnungsnot zu entspannen?

Ich würde unter anderem gerne Wohngemeinschaften für Erzieherinnen anbieten können. Man könnte sich doch gut vorstellen, dass wir das Problem, nämlich Erzieherinnen für die Stadt anzuwerben, gelöst werden könnte, indem wir beispielsweise sagen: Wir bieten eine Mitarbeiterwohnung an, in der zum Beispiel drei Erzieherinnen eine Wohngemeinschaft bilden könnten. Dann hätten wir das Thema Personalakquise mit dem Thema Versorgung mit Wohnraum verbunden. Dafür brauchen wir aber auch erstmal neue Fläche.

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