Mit Instrumenten kennt sich Günter Dullat ebenso gut aus wie mit der Geschichte der örtlichen Musikindustrie. In einer neuen Dokumentation, die der Museumsverein Anfang nächsten Jahres herausgibt, schildert der Autor, was sich in 75 Jahren Instrumentenbau in Nauheim ereignet hat.
+
Mit Instrumenten kennt sich Günter Dullat ebenso gut aus wie mit der Geschichte der örtlichen Musikindustrie. In einer neuen Dokumentation, die der Museumsverein Anfang nächsten Jahres herausgibt, schildert der Autor, was sich in 75 Jahren Instrumentenbau in Nauheim ereignet hat.

Heimatgeschichte

75 Jahre Musikindustrie auf 200 Seiten

Günter Dullat hat eine Dokumentation über den Instrumentenbau in Nauheim verfasst.

Nauheim -Seit 75 Jahren werden in Nauheim Musikinstrumente hergestellt. Günter Dullat nimmt das Jubiläum zum Anlass für ein rund 200 Seiten umfassendes Buch, das im Januar, spätestens im Februar 2022 veröffentlicht werden soll. Herausgeber ist der Heimat- und Museumsverein. Dullat hat die Dokumentation in diesen Tagen nach fast vierjähriger Arbeit fertiggestellt. Sie wird jetzt Korrektur gelesen, bevor im Zusammenwirken mit dem Museumsverein und der Gemeinde Details zur Finanzierung, Auflage und Druck bestimmt werden.

Der 1937 in Berlin geborene Autor hat von 1954 bis 1957 eine Ausbildung zum Holzblasinstrumentenbauer beim damals in Nauheim ansässigen Saxofonhersteller Julius Keilwerth absolviert. Mehrere Jahre erwarb er Fachwissen als Holz- und Metallblasinstrumentenbauer, bevor er Oberstudienrat an den beruflichen Schulen in Groß-Gerau und dort Fachlehrer für den Holz- und Metallblasinstrumentenbau wurde.

Viele Quellen gingen verloren

Der Nauheimer Musikindustrie ist Dullat über Jahrzehnte eng verbunden gewesen. Unvergessen ist seine inzwischen aufgelöste Instrumentensammlung, die in Ausstellungen im Nauheimer Heimatmuseum zu sehen war. "Das Jubiläum war der Anlass für mein Buch", erklärt er. Ihm war daran gelegen, dass das 75-jährige nicht so klang- und sanglos verstreiche wie das 50-jährige Bestehen 1997. "Da gab es gar nichts", bedauert er.

In seiner Dokumentation macht er es sich zur Aufgabe, "den mühsamen Aufbau und den Werdegang der Werkstätten und Firmen bis zur Gegenwart zu skizzieren". Zahllose Zeitdokumente, historische Fotos und Biografien hat er gesammelt und in seinem Buch verewigt. Er schließ zwar den Anspruch der Vollständigkeit aus, weil vieles in den Wirren der Nachkriegszeit verloren gegangen sei. Außerdem räumt er ein, dass eine lückenlose Darstellung nicht möglich sei, weil bisweilen schriftliche Aufzeichnungen von Zeitzeugen ebenso fehlten, wie Archive unvollständig und nicht alle Quellen glaubwürdig seien. So weit wie möglich, gehe er auch auf Einzelmeister, Zwei- oder Dreimannbetriebe, Hersteller und Zulieferer von Kleinteilen und ehemals winzige Werkstätten ein, die in anderen Darstellungen der Nauheimer Musikindustrie ab 1946 bislang nahezu unberücksichtigt blieben.

Detailreiche Darstellung

Ein Blick in das allein vierseitige Inhaltsverzeichnis verrät, dass Dullats Dokumentation die ausführlichste und detaillierteste Darstellung dieser Thematik sein wird, die es in der Musikgemeinde bislang gab. Nicht nur, dass er auf die Ursprünge der Betriebe im Graslitzer und Schönbacher Raum und ihre Vertreibung nach 1945 eingeht. Danach folgen zig Abschnitte und Kapitel, die sich wie ein "Who ist Who" all derer lesen, die in der Musikgemeinde in den vergangenen 75 Jahren ein Instrument in den Händen gehalten, gespielt, bewundert oder in irgendeiner Weise dafür etwas hergestellt haben.

Die Namen der großen und zum Teil immer noch existierenden Betriebe (allerdings nicht mehr allein in Nauheim) Püchner, Schreiber, Keilwerth, Winter, Sandner/Schuh, Klier, Lausmann, Wilfer und Köstler mögen viele kennen. Bei Herstellern oder Zulieferern wie Blohberger, Bauerfeind, Wesp, Spinnler, Schuster, Riedl, Sattler, Böhm, Dörfler, Deibel, Glassl, Fischer und Wohlrab dürfte es schon schwieriger werden, sie in die 75 Jahre währende Instrumentenproduktion zuzuordnen. Dullat gelingt das beispiellos.

Er geht ebenfalls auf Instrumentenbauer in den Nachbarkommunen ein, widmet sich den örtlichen Musikschulen und den vielen Bands und Orchestern, die es mal in der Gemeinde gab. In diesem Kontext fallen Namen von Dirigenten und Musikern wie Georg Mischlich, Walter Riedl, Franz Scherbaum, Peter Schmidt, von mehr oder weniger ruhmreichen Kapellen wie den Les Rubis, The Shaddocks und Apollos, von großen und kleinen Ensembles, einigen Werksorchestern, den vielen Ausstellungen, Musiktagen, Musikfesten und vielem mehr. Sogar besonderen und speziellen Instrumenten widmet sich der Experte.

Dullat fasst zusammen, dass die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Osten vertriebenen und in Nauheim ansässig gewordenen Hersteller die Gemeinde zu einem "bedeutenden Gewerbe- und Industriestandort" gemacht und der Kommune erkleckliche Steuereinnahmen garantiert hätten. Seine Blütezeit habe die Musikindustrie in Nauheim zwischen Mitte der 1950er Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt. Heute sei indes nicht mehr viel davon übrig. Rainer Beutel

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare