Erkannt? Mitten unter die Besucher hat sich doch Alice Hoffmann geschlichen. FOTO: RAINER BEUTEL
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Erkannt? Mitten unter die Besucher hat sich doch Alice Hoffmann geschlichen.

Kultur

Das Eis ist schnell gebrochen

  • VonRainer Beutel
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Alice Hoffmann unterhält beim Kultursommer mit reichlich doppeldeutigen Gags

Alice Hoffmann hat rund 100 Nauheimern und Gästen aus dem Umland am Samstag einen vergnüglichen Sommerabend bereitet. Populär ist die Schauspielerin und Komikerin aus der Fernsehserie "Familie Heinz Becker".

Sie gilt als Kittelschürz' der Nation. Auf der Bühne in Nauheim erscheint Alice Hoffmann in fast pathetischer Manier. Im Hintergrund wird das epochale "Also sprach Zarathustra" eingespielt. Doch kein angehobener Weltstar betritt da die Szene, sondern eine Frau von nebenan, eine Nachbarin, die allen Klischees entspricht.

Die fast 71-Jährige gibt sich in gewohnter Manier als Mischung aus Tratschweib und Einfaltspinsel. Dass ihr Fremdwörter nicht so recht über die Lippen wollen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Programm "Zeichen der Zeit". Sie räumt es ja auch ein: Die grauen Zellen funktionieren in ihrem Alter nicht mehr so gut. Sie schwört auf Ginseng-Kapseln, aber sie kann gar nicht sagen, wie diese wirkten, denn sie vergisst immer, die Pillen zu nehmen.

Heitere Wortspielereien

Schnell ist an diesem warmen Sommerabend das Eis gebrochen. Die Zuschauer wirken vergnügt und scheinen froh, trotz Corona in Nauheim ein kulturelles Angebot live erleben zu dürfen. Als Veranstalter hat die Sport- und Kulturvereinigung (SKV) das nun schon gewohnte Hygiene- und Sicherheitskonzept im Griff. Beim Sitzen geht's ohne Maske, beim Herumlaufen ist das Tragen Pflicht. Als Alice Hoffmann extra für ein Foto die Bühne verlässt und gerade keine Maske parat hat, hält sie sich kurzerhand die Hände vor den Mund. Die Leute lachen laut.

Sie weiß, worauf es ankommt. Sie tut aber so, als verstünde sie gar nichts, wenn sie in ihre Bühnenrolle schlüpft und übers Radio hören beim Hausputz plaudert. Die Randalierer in der U-Bahn sind für sie "Radierer", die Luftwaffe nennt sie "Lustwaffe" und bei der "Feuerbestattung für Ferien-Shopper" kapiert sie nicht, dass es um eine Steuererstattung für Ferienjobber geht.

Nicht nur aus Wortspielchen zieht sie ihren Mehrwert. Sie kokettiert damit, dass sie aus dem Saarland stamme und nimmt unser Bundesland aufs Korn. Hessen? Die haben logischerweise einen "hesslichen" Dialekt, stichelt sie. Und überhaupt, wenn sie an Mainz-Kastel denke, verstehe sie die Welt nicht, gehört der Ortsteil doch zu Wiesbaden. Kein Wunder, dass "die sich dauernd kloppen". Das seien ja "Verhältnisse wie zwischen Pfälzer und Saarländer", mutmaßt sie.

Das Publikum fest im Griff

Besonders vergnüglich wird es, als sie ihre Version von "Fitznetzsport" zum Besten gibt. Das gehe alles auch im Haus, ein Studio sei nicht nötig, behauptet sie. Beim Bügeln, also dem "Brettspiel für eine Person", zeigt die Hausfrau, wie sie gleichzeitig Gymnastik macht und den Bizeps trainiert. Klar, dass sie die Besucher animiert, mitzumachen. Nur einzelne bleiben sitzen, andere ersetzen das Bügeleisen mit der Bierflasche. "Naumer" und Saarländer verstehen sich offenbar.

Um das alles beherrschende Thema Corona kommt sie nicht rum. Sie spricht von der "Infizienz" und erklärt mit Zitaten aus ihrem "Watzäbb"-Dialog mit der Freundin, dass es keineswegs Inzidenz heißen könne, denn die Zahlen erklärten ja, wie viele Leute sich infiziert hätten - also "Infizienz". Die Wortverdrehungen kommen an, bisweilen wird es deftiger, wenn sich Mixer und Wichser reimen. Nie aber gerät Alice Hoffmann ins Vulgäre, sie weiß, wo die Grenzen des guten Geschmacks enden.

Ihre amüsanten Spannungsbögen schwellen an, flachen kaum ab und hangeln sich letztlich immer wieder am Motto "Zeichen der Zeit" entlang. Sie philosophiert ebenso über Eheprobleme wie übers Älterwerden und ist sich sicher: "Auch mit 60 kann ich wie 40 sein, allerdings nur eine halbe Stunde." Fast zwei Stunden dauert ihr Gastspiel bei der SKV, die den Bühnenstar in Kooperation mit einer Agentur in die Musikgemeinde geholt hat und die Vereinskasse mit dem Getränke- und Essensverkauf ein bisschen aufbessern kann. Ein Kulturprogramm in der SKV-Halle, wie "im Jahr fünf vor Corona" (Alice Hoffmann), bleibt vorerst ausgeschlossen. rabe

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