Gemeinschaftswerk der Pfadfinder: Reiner Weber und Uwe Koser erhitzen einen Brennstempel mit den Umrissen von Martin Luther. FOTO: RAINER BEUTEL
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Gemeinschaftswerk der Pfadfinder: Reiner Weber und Uwe Koser erhitzen einen Brennstempel mit den Umrissen von Martin Luther.

Lokalgeschichte

Ein heißes Eisen für den Reformator

  • vonRainer Beutel
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Mit Brennstempeln würdigen die Nauheimer Pfadfinder Martin Luther.

Just an dem Tag, als Martin Luther vor 500 Jahren von Wittenberg zum Reichstag nach Worms reiste und dabei unsere Region durchquerte, hat der Verband der christlichen Pfadfinder auf ungewöhnliche Weise dem Kirchenreformator gedacht. Vor der historischen Pfarrscheune wurde Luthers Konterfei in kleine Holzscheiben gebrannt.

Luther sollte vor fünf Jahrhunderten vor dem Kaiser seinen Thesen abschwören - was er nicht tat. Dazu hatte er vor dem Reichstag in Worms zu erscheinen. Auf dem Weg dorthin sind seine Aufenthalte in Frankfurt und Oppenheim historisch verbürgt. Am 15. April 1521 müsste er demnach durch die hiesige Gegend gekommen sein. Auf welchen Pfaden genau er sich bewegte, ist nicht überliefert.

Die Pfadfinder würdigen Luther im 500. Jahr dieses Ereignisses auf ihre eigene Art. Nicht nur mit einem symbolträchtigen Gemälde von Wolfgang Volz, sondern außerdem mit Luther-Stempeln, die sie selbst produziert haben. Dabei gab es unerwartete Unterstützung.

Ähnlich wie bei Weidetieren

Der frühere Stammesleiter Reiner Weber begrüßte zu der Aktion vor der Pfarrscheune mit Uwe Koser ein früheres Mitglied seiner ersten Pfadfindergruppe aus den frühen 1970er Jahren. Der 59 Jahre alte Koser wollte sich für die evangelische Kirchengemeinde seiner Wahlheimat Neugersdorf östlich von Dresden inspirieren lassen. Klar, dass er Weber half, die Luther-Stempel anzufertigen.

Die Bildnisse aus Holz, neudeutsch "Branding" genannt, wurden als Gemeinschaftswerk hergestellt. Koser sägte kleine Baumscheiben ab, während Weber einen Brennstempel erhitzte, der die Umrisse von Luther in einer der geläufigen Darstellungen des Kirchenreformators aufweist. Kaum war das Eisen heiß genug, presste Koser den Stempel auf das Holz, so dass sich darauf ein Bild von Luther abzeichnete.

"Der Brennstempel darf nicht zu heiß sein, dann wird es ungleichmäßig. Aber auch nicht zu kühl, dann ist kaum was zu sehen", erklärte Weber die Technik, die der Kenntlichmachung von Weidetieren mit einem Brenneisen gleiche. Nach nur zwei nicht perfekten Versuchen gelangen die Abbildungen exzellent.

Immer in Kontakt geblieben

Weber und Koser, der seine ebenfalls anwesende und hier lebende Mutter Marie Luise Koser besuchte, bestätigten, dass Pfadfinderfreundschaften ewig halten. Vor rund 50 Jahren haben sie sich kennengelernt. "Ich war damals zehn oder elf Jahre", erinnerte sich der Heimkehrer. Bei den Pfadfindern in Nauheim habe er Gitarre spielen gelernt. Inzwischen komponiere er selbst Lieder. Seit Jahren engagiere er sich in Neugersdorf in der evangelischen Kirchengemeinde. Regelmäßig begleite er den Weltgebetstag, an dem sich Protestanten aus aller Welt ganz im Sinne Luthers ihrer Wurzeln besinnen und sich gegen Unterdrückung wehren, mit der Gitarre musikalisch.

"Ich nehme einige Brandings von Luther mit nach Hause, um meine Kirche zu überzeugen, etwas Ähnliches zu machen", sagte er. Der 500. Jahrestag ist dann zwar vorüber, doch die hiesigen Pfadfinder sind stolz, kleine Zeichen gesetzt zu haben. Ursprünglich sei die Aktion gedacht gewesen für das Pilgern auf dem "Lutherweg 1521", der in einem Korridor von Luthers möglichem Reiseweg durch Nauheim führt. Wegen des Lockdowns sei eine größere Veranstaltung dazu jedoch nicht möglich gewesen. "Übrigens lebte auch Luther mit einer Pandemie. 1527 brach in Wittenberg die Pest aus", stellte Weber einen weiteren, weniger erfreulichen Bezug zur Gegenwart her. Rainer Beutel

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