Die 2014 verlegten Stolpersteine sind meist nicht mehr zu sehen, weil darüber Autos stehen.
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Die 2014 verlegten Stolpersteine sind meist nicht mehr zu sehen, weil darüber Autos stehen.

Stolperstein

"Eine Gedenkstätte als Parkplatz gehört sich nicht"

  • VonRainer Beutel
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In der Hintergasse in Nauheim parken Autos auf den Stolpersteinen für jüdische Mitbürger.

Nauheim -Wo sich sogenannte Stolpersteine in der Hintergasse befinden, ist seit geraumer Zeit ein Parkplatz ausgewiesen. Dort stehen oft Autos. Das sei pietätlos, kritisieren die Landfrauen. Die Gemeinde überlegt, wie sie die Situation verbessern und den Stellplatz versetzen kann.

Regelmäßig stünden Autos über den Gedenksteinen, bedauern die Landfrauen. Sie müssen es wissen, pflegen sie doch seit einigen Jahren in direkter Nachbarschaft der Stolpersteine die Gedenkstätte für Bürger jüdischen Glaubens, die in der Nazi-Zeit drangsaliert wurden, in Vernichtungslagern umkamen oder ihre Heimat verlassen mussten.

"Wir vom Landfrauenvorstand sind der Meinung und hoffen auf die Anlieger, dazu beizutragen, dass das Umfeld pietätvoll behandelt, wird", sagt Vereinsvorsitzende Anne Dammel. Es sei nicht verständlich, warum am Haus in der Hintergasse 2 ein Parkplatz ausgewiesen worden sei - genau dort, wo sich Stolpersteine für Johanna, Hugo und Kurt S. Neumann sowie Else Mayer befinden. Die Stolpersteine waren dort vor sieben Jahre verlegt worden.

Nauheim: Gemeinde nimmt Thema auf

Der Landfrauenvorstand spricht sich dafür aus, dass der Parkplatz aufgelöst werde. "Es gehört sich nicht, eine Gedenkstätte als Parkplatz auszuweisen", bekräftigt sie.

Und nichts anderes als eine Gedenkstätte seien die Stolpersteine. Ein mehrfacher Blick auf die Situation in der Hintergasse bestätigt, was die Landfrauen sagen: Auf der Stellfläche steht meistens ein Fahrzeug.

Die Stolpersteine sind dadurch nicht sichtbar. Illegal parken die Autos dort nicht, denn die Fläche ist mit Pflasternägeln als solche ausgewiesen. Autos von Anliegern stünden dort ebenso wie Ortsfremde, die zu Besuch seien, informiert ein Nachbar.

Bürgermeister Jan Fischer (CDU) erklärt, dass die Gemeindeverwaltung das Thema nach der Gedenkveranstaltung im Januar 2021 mit dem Ordnungsamt und dem Heimat- und Museumsverein "auf die Agenda genommen" habe. Schon bei der Veranstaltung im Januar sei der Gedanke aufgekommen, ob die Steine versetzt werden könnten.

Das widerspreche dem Sinn der Stolpersteinverlegung. Sie seien "bewusst an diese Stelle" gekommen, da dort die Eingangstür zu einem Geschäft jüdischer Einwohner und zu einem Gebetsraum gewesen sei. Laut Heimat- und Museumsverein ist das Fachwerkhaus Hintergasse 2 im Jahr 1776 gebaut und um 1900 um einen Anbau erweitert worden.

Ende des 19. Jahrhunderts habe dort die jüdische Familie Marx und später die Neumanns gewohnt. Nach der Trennung der jüdischen Gemeinde Nauheim von den Glaubensbrüdern und -schwestern aus Groß-Gerau, hätten die Juden bis 1906 die Wohnstube auch als Betraum genutzt. "Aus diesem Grund sind wir mit dem Heimat- und Museumsverein übereingekommen, dass die Steine an dieser Stelle bleiben", erklärt Fischer.

Alternativ habe das Ordnungsamt vorgeschlagen, dass die Parkfläche um etwa anderthalb Meter Richtung Süden verlegt werde, damit die Steine zu sehen seien. Diesen Vorschlag habe der Gemeindevorstand aufgegriffen. Dabei gebe es aber eine bautechnisches Hürde.

Nauheim: Lösung wird Zeit benötigen

Die Parknägel seien samt einem Zweikomponentenklebstoff in ein Bohrloch gegossen und anschließend hineingedrückt worden. Sie zu entfernen, sei von Witterungseinflüsse abhängig. Die Arbeiten müssten vielleicht durch eine Fachfirma ausgeführt werden. "Alternativ prüfen wir die Umsetzung durch den Bauhof, wobei wir knappe Personalressourcen haben, um eine für uns nicht alltägliche Arbeit inklusive Spezialmaterial umzusetzen", sagt der Bürgermeister. Die Deckel der vorhanden Nägel müssten abgetrennt werden. Dann fiele der Parkplatz weg. Eine Stellfläche weniger in Alt-Nauheim sei wieder ein Problem, wie das die jahrzehntelange Diskussion über den Parkraum in der Gegend beweise. Der Parkplatz könne "nur Zug um Zug, also bei gleichzeitiger Neumarkierung" versetzt werden, deutet Fischer eine Lösung an, die allerdings etwas Zeit benötige. Von Rainer Beutel

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