Britta Röder stellt vor dem Atelier von Beate Koslowski (links) ihren neuen Roman vor.
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Britta Röder stellt vor dem Atelier von Beate Koslowski (links) ihren neuen Roman vor.

Kunst

Gedok-Treffen in Nauheim: Wie ein kleiner Urknall der Kultur

  • vonRainer Beutel
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In Nauheim präsentieren Künstlerinnen ihre Arbeiten bei Gedok-Treffen.

Raus aus den Ateliers, Schluss mit dem zwangsweisen Verbleib in Kreativwerkstätten, Abschied vom Schreibtisch zu Hause: Wie nach Monaten des Pandemie-bedingten Rückzugs aus einem Arbeitstreffen ein kultureller Höhepunkt werden kann, haben Künstlerin Beate Koslowski und ihre Freundinnen bewiesen. Nebenbei wurde eine Organisation bekannter gemacht, die ihren Mitgliedern zugleich Rückhalt, Ansporn und Aufgabe ist.

Die ortsansässige Malerin lud zu einem Arbeitstreffen der "Gedok" ein. Es handelt sich um die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördernden, die 1923 von Ida Dehmel gegründet wurde. Heute gilt die Gedok als größter Berufsverband für Künstlerinnen in Europa. Im Berlin der Gründerzeit pflegte Ida Dehmel, Gäste in einem prachtvollen Salon zu künstlerischem und geistigem Austausch zu empfangen.

Nauheim: Ein Gefühl der Befreiung

Möglicherweise hätte Beate Koslowski nicht viel dagegen, wenn ihr Atelier mitten in einem Nauheimer Wohnviertel eine ähnliche Funktion erfüllte. Doch gerade im vergangenen Jahr war es ihr und ihren Berufskollegen nicht vergönnt, in eigenen Schaffensräumen vielen Menschen zu begegnen. Was Wunder, dass das vor Koslowskis Atelier im Freien arrangierte Arbeitstreffen von rund einem Dutzend Gedok-Mitgliedern eine Vielzahl erlebenswürdiger Blüten hervorzauberte, die nach so langer Abstinenz fast wie ein klein-kultureller Urknall wirkten. Bürgermeister Jan Fischer deutete das bereits als Gastredner an.

Es sei "dermaßen befreiend", nach der durch Corona auferlegten Pause endlich mal wieder eine Kulturveranstaltungen zu besuchen, lobte er die Initiative. Tatsächlich nahm sich das Gemeindeoberhaupt fast eine Stunde Zeit, um den Darbietungen zu lauschen. Noch länger blieb Parlamentschef Johann Siegl, der sich in seiner Funktion als "Erster Bürger" der Gemeinde als "Vertreter von 11 000 Nauheimern" vorstellte.

Ohne viel weiteres Publikum - die Corona-Vorschriften gestatteten keine öffentliche Einladung - erlebten die kulturell ausgehungerten Besucher Klarinettistin Dorothea Herrmann, die die Zusammenkunft entscheidend mitgestaltet hatte. Sie lehrt Klarinette am Peter-Cornelius-Konservatorium und verwirklicht zeitgenössische musikalische Abenteuer, von denen sie mit der eigenen Komposition "Fieberfeucht" ein Solo spielte.

Fesselnde Erzählungen in Nauheim

Als "Wortstellerin" präsentierte sich Lyrikerin Iris Welker-Sturm. "Sie ist Hefe im Gedok-Teig", schwärmte Gastgeberin Koslowski, die selbst der Gedok seit 45 Jahren angehört und darin als Fachbeirätin für Malerei in der Region Wiesbaden/Mainz tätig ist. Welker-Sturm las aus ihrem Roman über Luise Büchner und betonte, getragen vom feministisch-blühenden Selbstbewusstsein engagierter Frauen, dass ohne Luises Arbeit über deren älteren Bruder Georg Büchner "schlicht nichts bekannt wäre".

Autorin Britta Röder, als Schriftstellerin ebenso im Kreis bekannt wie als Mitglied des Redaktionsteams des Groß-Gerauer Kulturatlas, trug bewegende Passagen aus ihrem neuen Roman "Das Gewicht aller Dinge" vor. Eloquent und spannend geschrieben fesselte ihre Erzählung vor dem Atelier. Im Innern warteten Arbeiten von Koslowski, Heike Holstein, Jutta Mertens und Ullabritta Deutsch ebenso auf Bewunderer wie Tina Jungs ausdrucksstarke Fotografien. Zwischendurch stimmten Dorothea Hermann und Nadja Salameh mit einer Elegie von Igor Strawinsky musikalisch ein.

Genügend Stoff also, um zu schwelgen und zu genießen. Ein Leben ohne Kultur sei, ganz im Sinne von Ida Dehmel und der Gedok, undenkbar. Beate Koslowski betonte, wie sehr in diesen Zeiten Künstler ums Überleben kämpfen müssten. Als Gedok-Fachberaterin beobachtet sie Entwicklungen kritisch. Nur graduell existierten Unterschiede zwischen den Gründungsjahren und der Gegenwart. "Je wichtiger die Ausstellungen und je höher der Kunstpreis dotiert ist, desto weniger Frauen sind dabei", bemerkte sie. Von Rainer Beutel

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