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Lokalhistorie

Gemeindearchiv: Nauheims alte Bücher ziehen in neue Räume

Kein Fenster, kein Wasserzufluss, jedoch Strom, Lüftung, konstant 17 bis 18 Grad und reichlich Platz: Das Gemeindearchiv lagert in neuen Räumen. Für Lokalhistoriker bietet es unendlich viel Lesestoff.

Lothar Walbrecht macht sich an eine Lebensaufgabe. Der 55 Jahre alte Gemeindeangestellte sichtet und sortiert das Kommunalarchiv, in dem seit März 2018 die wichtigsten Dokumente aus den letzten Jahrhunderten gesammelt werden. Erstmals befindet es sich zentral an einer Stelle.

Auf knapp 200 Quadratmetern stehen mehrere Regale mit Akten, Ordner, Kladden und Büchern. Walbrecht hat alles ordentlich aufgereiht. Auf der anderen Seite des Kellerraumes, der sich im Gewerbegebiet Schleifweg befindet und von der Gemeinde angemietet wurde, lagern zig graue Kisten. Sie muten an wie schmucklose Schuhkartons. In ihnen befinden sich uralte Dokumente, gefüllt mit Konvoluten, in denen nachzulesen ist, was in früheren Jahren passiert ist.

Auch für Außenstehende

Aufschriften erleichtern das Suchen. Zum Beispiel wenn es um den Sportplatz Anfang der 1930er Jahre geht. In weniger als einer Minute zeigt Walbrecht, der neun Stunden seiner wöchentlichen Arbeitszeit für das Archiv aufbringt, passende Unterlagen für das Sportgelände. 1931 etwa wurden dort Notstandsarbeiten geleistet. Die „Rhein Elektrik Aktiengesellschaft“ hat im „Stadion Nauheim“ die Beleuchtung angebracht. Ein anderes Dokument listet den „Schnittlohn“ der Firma Vogel auf, Vorläuferin des in den 1980er Jahren abgerissenen Sägewerks Rüffer.


Walbrecht weiß, wo was steht. Ihm hilft ein altes Findbuch. Ein neues für die jüngeren Unterlagen fertigt er selbst an. Prinzipiell sie das Archiv für alle da. Denn 2019, so der Plan des Gemeindevorstands, sollen die Dokumente im Gemeindearchiv bei Bedarf für Außenstehende einsehbar sein. Dafür werde eine Archivsatzung und eine Benutzungsordnung entwickelt, informiert Archivar Walbrecht. „Aber nur, wenn ein berechtigtes Interesse besteht, beispielsweise für eine wissenschaftliche Arbeit“, führt Walbrecht weiter aus.

Bislang war das Archiv dezentral gelagert. Im Dachgeschoss eines Kläranlagengebäudes, in einer Wohnung im Sportparkgebäude, einer Kammer der Großsporthalle und im Rathaus – überall befanden sich Dokumente. Es gab keinen geeigneten Raum dafür. Unterlagen aus der Zeit von 2000 bis 2015 werden noch im Rathaus aufbewahrt. „Die hole ich ebenfalls hierher“, sagt Walbrecht. Alles was nach 2015 kam, werde inzwischen digitalisiert auf Datenträgern gespeichert.

Manches ging verloren

Als Archivar trifft Walbrecht bei der Durchsicht der Dokumente eine Vorauswahl, und entscheidet, was entsorgt werden kann. „Alles aufheben, geht nicht“, sagt er. Letztlich entscheiden darüber neben den Fachbereichsleitern im Rathaus überregionale Vorschriften, insbesondere das Hessische Archivgesetz. Darüber seien Sperrfristen wichtig, ab wann etwas öffentlich zugängig sein dürfe. Grundsätzlich stehe fest: Aus dem Archiv werde nichts den Raum verlassen. Manches, was für die Nachwelt interessant wäre, sei schon verschwunden. „Auch aus der Nazi-Zeit von 1933 bis 1945 ist nicht mehr viel da“, bestätigt Walbrecht die Folgen, die auf eine Aktenvernichtungsaktion im Ort kurz vor Kriegsende zurückzuführen sein könnten.


Dafür kann er die älteste Bürgermeisterrechnung der Gemeinde von 1639 präsentieren (noch ältere Unterlagen aus der Gemeinde finden sich in den Kirchenbüchern). Sie listet auf sieben Seiten auf, dass die Kommune damals für das Jahr 126 Gulden ausgegeben und 137 Gulden eingenommen habe. Zum Vergleich: Die Bestände der Einnahmen und Ausgaben aus dem Jahr 2009 umfassen 28 dicke Ordner...

Im Archiv machen vor allem vergilbte Kladden mit alten Jahreszahlen neugierig. Doch planloses Suchen und neugieriges Stöbern komme nicht in Frage. Nicht mal für ihn selbst, sagt Walbrecht. Als zweiter Vorsitzender des Heimat- und Museumsvereins hat er sich indes einzelne Themen vorgemerkt, die er gezielt recherchieren wolle. Er muss tatsächlich selektieren: Die Fülle an erstmals konzentriert zugängigem Material scheint so immens, dass ein Mensch zum Lesen zwei Leben gebrauchen könnte.

Von Rainer Beutel

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