Ein Modell vom Totenhügel und der Jakobskapelle hat Heimatforscher Erwin Kaul 1997 erstellt. Foto: Beutel
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Ein Modell vom Totenhügel und der Jakobskapelle hat Heimatforscher Erwin Kaul 1997 erstellt.

Lokalhistorie

Jakobskapelle und Totenhügel auf der Spur

  • VonRainer Beutel
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Hans Joachim Brugger vom Museumsverein beleuchtet Kapitel der Ortsgeschichte

Der 1899 errichtete Saalbau in der Bahnhofstraße steht auf historisch bedeutsamen Gelände. Einst befand sich dort die Jakobskapelle, die eine Zwischenstation von Pilgern und Wanderern gewesen sein könnte. Hans Joachim Brugger vom Vorstand des Nauheimer Heimat- und Museumsvereins macht auf die kleine, verschwundene Kirche aufmerksam.

Wer von der ehemaligen Jakobskapelle spricht, kann den "Totenhügel" nicht unerwähnt lassen. Das ehemalige Gotteshaus habe einst auf einem Hügel vor dem Ort gestanden, erklärt Brugger, der sich auf Informationen verschiedener Autoren der Ortschronik von 2001 beruft.

Die Kapelle sei bis zur Einweihung der heutigen evangelischen Kirche an Weihnachten 1753 mehrere Jahrhunderte genutzt worden. "Sie soll einen Turm mit zwei Glocken, einen Anbau und ein schiefergedecktes Dach gehabt haben", beschreibt Brugger ihr Aussehen. Ein Beinhaus sei angegliedert gewesen.

Überreste in der Waldstraße

Als die Kapelle um 1783 abgebrochen wurde, sei aus den Steinen Baumaterial geworden. Wie es im Ort heißt, seien einige beim Bau von Häusern und Scheunen in Alt-Nauheim verwendet worden. Überreste davon stehen laut der früheren Ortschronik von 1951 an der Waldstraße. Sie umgaben dort einen späteren Friedhof, befinden sich aber nicht mehr an ihrer ursprünglichen Stelle, die laut früheren Darlegungen der Museumsvereinsmitglieder Lothar Walbrecht und Harald Hock weiter nördlich gelegen habe.

Die Patronatsherren der verschwundenen Kirche, so führt Brugger aus, seien im Spätmittelalter die Herrn von Hagen-Münzenberg und ihre Nachfolger gewesen. Es habe sich um einstige Verwalter von fränkischem und deutschem Königsgut entlang einer frühmittelalterlichen Fern- oder Verbindungsstraße zwischen den Königs- beziehungsweise Kaiserpfalzen Frankfurt, Trebur und Worms gehandelt.

Auf dem Pilgerweg

Die Kapelle könne mit dem Aufkommen der Jakobsverehrung und der Pilgerwege nach Santiago de Compostela im 9. oder 10. Jahrhundert entstanden sein. Sie habe rund 25 Kilometer von Frankfurt entfernt gelegen, das entspreche einer Tagesreise für Pilger. In Frankfurt sei der bis in die Neuzeit (1944) erhaltene Kompostellhof im Stadtzentrum ein Rastpunkt auf der Route Richtung Spanien gewesen. "In Nauheim könnten die Jakobskapelle und ein eventuelles dortiges Spital eine reguläre Station zum Übernachten gewesen sein", so Brugger.

Der erste, mit Quellen und Funden belegbare Friedhof rund um die Jakobskapelle sei auf dem Totenhügel bis 1898 genutzt worden. Ende der 1990er Jahre hatten die Heimatforscher Harald Hock, Erwin Kaul, Richard Kaul und Wilhelm Kuhlmann dies recherchiert. Der älteste und höchstgelegene Teil sei seit heidnischer Vorzeit als Begräbnisplatz benutzt worden. Dies hätten Grabungsfunde belegt.

Der Friedhof sei zuerst von einem Plankenzaun und anschließend von einer Mauer mit zwei Toren umgeben gewesen. Der zweite Friedhofsbereich, vollständig mit Grabreihen gefüllt, sei bis 1864 genutzt worden. "Nach Aufzeichnungen im evangelischen Kirchenbuch wurden mehr als 425 Beerdigungen belegt", stellt Brugger fest.

Der dritte Friedhofsteil sei im Januar 1864 eingeweiht worden. Der südöstliche Teil sei für Kinder-, der nordöstliche Abschnitt für die Beerdigung von Erwachsenen vorgesehen gewesen. "Dieser Friedhofsteil war bis zur Eröffnung des Friedhofs an der Waldstraße 1891 der Nauheimer Beerdigungsplatz", erläutert Brugger. Der Friedhof sei zu Fuß über den Bachsteg oder über die 1845 verbreiterte und gepflasterte "Vicinalstraße nach Trebur" zu erreichen gewesen - die heutige Bahnhofstraße. Neben dem Friedhofsgelände hätten mal 30 Kirschbäume gestanden, die 1847 gepflanzt worden seien, erinnert Brugger an ein weiteres Detail.

Der Totenhügel, der auch Kirchhügel genannt wurde, habe sich etwa fünf Meter über der Bahnhofstraße erhoben. 1898 sei er abgetragen worden, um Bauland zu erschließen. Die Erde sei in das tiefer gelegene Neubaugebiet Wilhelm-Leuschner- und August-Bebel-Straße südlich des Friedhofgeländes verteilt worden. Der Platz für den Bau des Saalbaus im Jahr 1899 sei damit geebnet gewesen. Rainer Beutel

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