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Vor alten Konzert- und Kinoplakaten werben Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Kerstin Geis (von links) um Stimmen.

Landtagswahl 2018

Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel besuchen Nauheim

Nicht an allen Traditionen rüttelt die SPD: Erst ein kurzer Abstecher zum althergebrachten Wahlkampf-Stand, dann werben Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel für eine moderne Gesellschaft.

Samstagmorgen im Atrium: Ein Kamerateam des Hessischen Rundfunks, verdeckt agierende Sicherheitskräfte und bewusst präsente Polizisten sind Vorboten für den Höhepunkt des örtlichen Landtagswahlkampfs. Die SPD erwartet nicht nur ihren hessischen Spitzenkandidaten, sondern auch eine ihrer derzeit prominentesten Frauen in der Partei.

Mit kleiner Verspätung trifft die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, ein. Thorsten Schäfer-Gümbel war knapp zehn Minuten früher angekommen. Im Dienstwagen. Sein Wahlkampfbus parkt um die Ecke. Er werde ihn nach dem Auftritt mit Schwesig nutzen, um andernorts für Stimmen zu werben, heißt es.

Mit ihm und seiner Parteigenossin haben die örtlichen Sozialdemokraten wirkungsvolle Zugpferde nach Nauheim gelockt. So viel geballte Prominenz gab es im Ort bislang selten – ein klarer Bruch mit der Tradition, sich auf die üblichen Wahlkampfstände vor Einkaufsmärkten zu konzentrieren. Zudem lockt das Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ einige Dutzend Frauen ins Restaurant Neros. Kurzerhand wurde eine komplette Etage für ein „Frauenfrühstück“ reserviert.

Das lassen sich Sympathisantinnen und Parteimitglieder aus dem gesamten Kreis mit Landrat Thomas Will an der Spitze nicht entgehen. Gleich mehrere Tische belegen in auffällig gelb-grünen Shirts die Nauheimer Landfrauen. An Schwesigs und Schäfer-Gümbels Seite freut sich Wahlkreiskandidatin Kerstin Geis über dass beachtliche Interesse. Und dann bekommt – ausgerechnet – ein Christdemokrat einen Sonderapplaus.

Bürgermeister Jan Fischer (CDU) begrüßt die Gäste und schenkt Schwesig ein blaues Täschchen aus der Musikgemeinde. Inhalt: Ein Trompetenmundstück, das als Schnapsglas dient und Rheingauer Wein. Spontan applaudieren die Besucher. „Es gehört sich einfach als Bürgermeister, egal von welcher politischen Farbe“, erklärt Fischer sein Festhalten an der Begrüßungszeremonie.

Schwesig und Schäfer-Gümbel greifen seinen Hinweis auf, als sie über das Erstarken von Rechtspopulisten sprechen und alle Demokraten vereint wissen wollen. Prompt erhält die Ministerpräsidentin lautstarken Beifall, als sie auf Lebenswirklichkeiten von Frauen zu sprechen kommt und kämpferisch bemerkt: „Die AfD hat ein frauenfeindliches Bild, wir müssen aufstehen und dagegen halten.“

Die Tür ist offen, um Themen des Landtagswahlkampfs zu pointieren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine nicht nur politische und religiöse Gleichberechtigung, Gebührenfreiheit in Betreuungseinrichtungen und Frauenförderpläne lauten Schlagworte, die sich als roter Faden durch den politischen Morgen ziehen. Nicht zu vergessen das Lob für das gesellschaftliche Engagement der Landfrauen.

Die prominenten Gäste brechen einige, in der politischen Auseinandersetzung bisweilen abstrakte Thesen und Forderungen runter. Wenn Eltern wegen der Berufstätigkeit nicht mal mehr Zeit hätten, mit ihren Kindern Hausaufgaben zu machen, dann müsse diese Bildungsbenachteiligung endlich zu echten Ganztagsschulen führen, verdeutlicht Landtagsabgeordnete Geis den aus SPD-Sicht notwendigen Aufbruch aus alten Konventionen. Dass Schwesig und Schäfer-Gümbel vor einer Plakatwand mit alter Konzert- und Kinoreklame stehen und damit von Nina Hagen über Jimi Hendrix bis Frederico Fellinis „La Dolce Vita“ an eine Zeit mit heutzutage eher fragwürdigen Rollenverteilungen erinnert wird, fällt am Samstagmorgen nur am Rande auf.

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