Menschenmassen beim närrischen Sturm auf das Rathaus, in diesem Jahr undenkbar.
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Menschenmassen beim närrischen Sturm auf das Rathaus, in diesem Jahr undenkbar.

Fünfte Jahreszeit

Mit einem Kappenabend fing alles an

Franziska Lautenschläger erinnert sich an die Anfänge der Naumer Fastnacht. Damals war sie Chefin der Bajusgarde.

Vermutlich wären die Gazetten und sozialen Netzwerke dieser Tage voller Bilder mit bunt kostümierten Narren. Doch wegen Corona fallen 2021 nahezu alle Fastnachtsveranstaltungen aus. Vor weit mehr als einem halben Jahrhundert war alles anders.

Franziska Lautenschläger respektiert die ungewöhnlichen Umstände. Selbstverständlich sei es wegen des Infektionsrisikos derzeit nicht möglich, in einem voll besetzten Saal miteinander zu schunkeln und den Narrhallamarsch zu singen. Doch ein wenig traurig ist die rüstige Rentnerin schon. Denn die 86-Jährige erinnert sich noch gut, wie vor rund 70 Jahren bei der Sport- und Kulturvereinigung (SKV) alles begann.

Die Wurzeln der Nauheimer Fastnacht sind laut alten Aufzeichnungen, die sie gesammelt hat, bald nach 1945 zu suchen. Die Sängerabteilung der SKV hatte nach dem Krieg mit Kappenabenden begonnen. Weil das den Menschen so viel Freude bereitete, sei 1952 eine SKV-Fastnachtssparte gegründet worden - die Nauheimer Carneval Abteilung (NCA).

Spicys folgen der Bajusgarde nach

Daraus sei später die Nauheimer Carneval Gesellschaft (NCG) entstanden. Zeitgenossen können sich vielleicht noch erinnern: Die Truppe um den rührigen Sitzungspräsidenten Hans Peter, der auch SKV-Vorsitzender war, stellte ihr närrisches Treiben erst im vorigen Jahrzehnt ein. Die Spicys, heute als Tanzformation die größte Gruppe innerhalb der SKV, sind direkte Nachfolger der ehemaligen NCA- und NCG-Bajusgarde.

Franziska Lautenschläger, mit Mädchennamen Schmid, war Kommandeurin der Bajusgarde, als die Karnevalisten 1962 ihr zehnjähriges Bestehen feierten. Die Namen närrischer Größen dieser Zeit gehen ihr spielend von den Lippen, angefangen beim späteren Nauheimer Bürgermeister, NCG-Protokoller und Sitzungspräsidenten Hermann Reitz, über Ludwig Müller, den "närrischen Ministerpräsidenten", seinem Stellvertreter Georg Kaul bis zu all den Engroffs, Arnolds, Zimmers und Prandners, die die NCG-Fastnacht prägen sollten.

"Otto und Helga Buchheimer waren unser erstes Prinzenpaar, später Wilhelm und Lore Kaul, dann Hans und Siggi Peter", erinnert sich die frühere Gardechefin. Damals seien Kostüme selbst genäht worden. Nur die Schlüpfer, wie seinerzeit Damenunterwäsche genannt wurde, seien sicherheitshalber in Mainz gekauft worden. "Beim Beineschwingen sollte alles anständig aussehen", lacht Lautenschläger. "Unser Saal in der SKV war immer rappelvoll", erzählt sie enthusiastisch. In bestem Naumerisch spricht sie von "de alde Hall". Und mit unzähligen Schwarz-Weiß-Fotos dokumentiert die Frau ihre Erinnerungen. Zu sehen ist etwa der Sturm auf das Rathaus, zuerst noch auf das mittlerweile Historische am Heinrich-Kaul-Platz, später auf den damaligen Neubau in der Weingartenstraße. Menschenmassen drängeln sich um Hermann Reitz, Stolz reckt der Sitzungspräsident den Schlüssel in die Luft.

Fester Zusammenhalt

Zu den Zeugnissen fröhlicher Zeiten gehört die NCG-Zeitschrift "Konfetti". 1962 erschien das erste Exemplar. Franziska Lautenschläger kann jeden darin identifizieren. Auf noch älteren Fotos aus ihrem Fundus sind jubelnde Scharen bei Umzügen auf Ortsstraßen zu sehen. An den Gardekostümen identifiziert sie die Aufnahmezeit. Auch aus Astheim, Flörsheim und Bischofsheim waren damals Narren zum Feiern angereist.

"Es war eine sehr enge Verbundenheit", bilanziert Franziska Lautenschläger. Die Gardemädchen hätten fest zusammengehalten. "Jede bei uns hat was gegolten, und jede hat auf die andere geachtet", schätzt sie die Werte von damals. Was von all dem noch übrig geblieben sei, daran mag sie gar nicht denken. Alte Fastnachtsuniformen und Gardekostüme seien inzwischen entsorgt. Heute hätten die Menschen andere Sorgen und vergnügten sich ganz anders, sagt sie wehmütig.

Rainer Beutel

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