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Als „Hewegret“ stellt sich Elva Brehmer im Museum vor ihrer Lesung „Lebendige Chroniken“ einem interessierten Publikum vor.

Heimatmuseum

Im Museum wird Geschichte lebendig

Das Heimatmuseum ist attraktiver geworden. Die szenische Darstellung eines historischen Ereignisses aus der örtlichen Chroniken weckte viel Interesse. Dabei ging es um eine einfallsreiche Unternehmerin aus dem 19. Jahrhundert.

Elva Brehmer trägt altertümliche Kleidung. Am Sonntagmittag ist sie die „Hewegret“. Sie schlüpft in die Rolle von Anna Margarete Engroff, die vor rund 170 Jahren so etwas wie einen Im- und Exporthandel aufzog. Mit diesem Zubrot besserte sie den Verdienst ihres Ehemannes auf, so dass sie gemeinsam die große Familie über die Runden bringen konnten.

Die „Hewegret“ erzählt im Heimatmuseum, wie das früher so war. Als geborene Schulmeyer wächst sie in Mörfelden auf. Später lebt sie mit ihrem Mann Johann Philipp und den sieben gemeinsamen Kindern in Nauheim. „Ich bin da einem Zimmermann begegnet, der hatte so tolle Augen“, schwärmt sie vom Kennenlernen.

Erst wohnen die beiden bei ihren Eltern. Die ersten zwei Kinder kommen zur Welt, und das, obwohl sie nicht verheiratet sind. Das gibt Geschwätz und böse Blicke. Das unvermählte Paar kommt auf die Idee, in Nauheim anzufragen, ob sie dort hinziehen könnten. „Hier wohne’ nur anständige Leut’“, murren die Einheimischen wenig erfreut.

Entbehrungsvolle Zeiten

Doch sie entschließen sich trotzdem zum Umzug, zumal „mein Drittes unterwegs ist“. Elva Brehmer spielt das so glaubhaft, dass ihre Zuhörer im Museum leise lachen. Aber gleich darauf geht die Geschichte weiter. Alle im Museum sind gespannt, worauf es hinausläuft.

Die beiden erben 1847 in der Hügelstraße 17 ein Haus aus vorherigem Familienbesitz. Das steht heute noch. Der zweite Vorsitzende des Museumsvereins, Lothar Walbrecht, arbeitete Elva Brehmer zu und recherchierte historische Fakten. Etwa die exakten Lebensdaten der „Hewegret“ – die wurde am 27. Mai 1815 geboren und starb am 8. November 1894. Die Daten stammen aus den Kirchenbüchern. In der kleinen, 1984 veröffentlichten Chronik „Bilder und Geschichten aus vergangenen Tagen“, seien die Angaben nicht immer korrekt, stellen die beiden fest.

Nach und nach bekommen die Engroffs weitere Kinder, insgesamt neun. Zwei sterben sehr früh. „Wir hatten unsäglich viel Arbeit, aber es reichte hinten und vorne nicht“, erzählt die „Hewegret“ von der entbehrungsvollen Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts. 1853/54 wurde in der Gemeinde für Familien Geld gesammelt , die wegen der schlimmen Not nach Amerika auswanderten.

Etwa zu dieser Zeit schnappt sich die inzwischen verheiratete Engroff einen Schubkarren, kauft bei den Nauheimer Bauern Obst, Gemüse und weitere Feldfrüchte, und macht sich auf nach Frankfurt zum Markt – zu Fuß, wohlgemerkt. Zusätzlich ausgestattet mit einer Traglast auf dem Kopf. „Die haben mir alle Sachen abgekauft. Ich habe auf einmal Geld“, freut sich die „Hewegret“. Und dann kauft sie in der großen Stadt ein. Vor allem Hefe, die sie in Nauheim den Bäckern anbietet. „Die haben gesagt, dass meine Hefe aus Frankfurt das beste Brot gibt“, freut sie sich über ihren Erfolg.

Früh emanzipiert

Prompt bekommt sie immer mehr Aufträge, was sie aus Frankfurt mitbringen soll. „Zweimal in der Woche bin ich hin, das war schon anstrengend. Ich war nicht bauernschlau, aber ich hatte kaufmännisches Verständnis“, bilanziert Elva Brehmer in ihrer historischen Rolle und mit großem Respekt für eine früh emanzipierte Nauheimerin.

Die Besucher finden den besonderen Geschichtsunterricht beeindruckend. Mit der Darbietung eröffnet sich die Chance, mehr Gäste in das Museum zu locken. Mehr als 30 Besucher beim Auftakt einer Veranstaltung, darunter viele, die nicht zum Verein gehören – das habe es schon lange nicht mehr gegeben, heißt es. Jetzt sind alle gespannt, wen Elva Brehmer bei ihrem nächsten Auftritt mimt. „Wahrscheinlich im April“ ist es wieder so weit, sagt sie. Ob es dann wie zuletzt wieder „Weck, Worscht und Woi“ gebe, sei noch offen. Vielleicht serviere der Verein einen leckeren Kuchen – mit welcher Hefe der dann auch gebacken werde.

von RAINER BEUTEL

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