Johannes Engroff, geboren am 16. September 1812 in Nauheim, posiert mit seiner Frau Margaretha Elisabetha, geborene Fink, vor der Kamera. Sie wanderten mit ihren fünf Kindern auf Gemeindekosten im Juni 1854 aus. Johannes Engroff starb am 22. Dezember 1889 in Lancaster, Pennsylvania. FOTO: Heimat- und Museumsverein
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Johannes Engroff, geboren am 16. September 1812 in Nauheim, posiert mit seiner Frau Margaretha Elisabetha, geborene Fink, vor der Kamera. Sie wanderten mit ihren fünf Kindern auf Gemeindekosten im Juni 1854 aus. Johannes Engroff starb am 22. Dezember 1889 in Lancaster, Pennsylvania.

Lokalgeschichte

Sie suchten ihr Glück in Amerika

  • VonRainer Beutel
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Lothar Walbrecht vom Museumsverein forscht über Auswanderer im 19. Jahrhundert.

Lothar Walbrecht gehört zu den wenigen in Nauheim, die sich um die Ortsgeschichte kümmern. Als zweiter Vorsitzender des Heimat- und Museumsvereins nimmt er nicht nur administrative Aufgaben wahr, er findet auch die Muße, sich durch Archive, alte Dokumente und nicht gerade leserliche Verträge zu wühlen.

Zurzeit beschäftigt sich der Heimatforscher mit einem Thema, das bislang in der Ortsgeschichte nicht beachtet wurde: Was hat die Familien bewegt, die vor mehr als anderthalb Jahrhunderten von Nauheim aufbrachen und ausgewandert sind? Für viele habe es nur ein Ziel gegeben, sagt Walbrecht: "Ab in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten."

Was in Nauheim geschehen war, sei keine Ausnahme gewesen, informiert Walbrecht. Deutschland sei Mitte des 19. Jahrhunderts von einer großen Auswanderungswelle erfasst worden. Immer mehr verarmte Menschen hätten ihre Heimat verlassen. Ein extremer Bevölkerungszuwachs habe in einigen Regionen Deutschlands zu einer "Überbevölkerung" gesorgt, gerade in den dörflichen Kleinsiedlungen wie Nauheim.

Kein Geld für den Lebensunterhalt

Es sei immer schwieriger geworden, für den Lebensunterhalt aufzukommen. Ein weiterer Beweggrund sei eine Zersplitterung von landwirtschaftlichen Flächen, die sogenannte Realteilung gewesen. Zunehmend geringere Erträge hätten zu einer schlechteren Ernährungssituation geführt.

Auch in Nauheim habe es sogenannte "Sozialfälle" gegeben - Menschen, die kaum ihren Lebensunterhalt aufbringen konnten. Für die Grundversorgung dieser verarmten Familien und die medizinische Betreuung sei die Gemeinde aufgekommen. Es ging außerdem um Verpflegung, Kleidung und Schulmaterial für die Kinder. "In den jährlichen Gemeinderechnungen finden sich immer wieder Namen von Angehörigen der gleichen Familien, deren Kosten die Gemeinde begleichen musste", erklärt Walbrecht, der auch das Gemeindearchiv betreut und daher Zugang zu den alten Schriftstücken hat. Die Gemeindeoberhäupter hätten sich schließlich zu einem radikalen Schnitt entschlossen: Die Kommune habe die Auswanderungskosten für die verarmten Familien übernommen und schickte diese nach Amerika. Dabei seien viele Bestimmungen zu beachten gewesen, die im "Gesetz über die Auswanderung" vom 30. Mai 1821 im "Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt" geregelt gewesen seien.

Handgeld für den Neustart

Diesen folgte der damalige Bürgermeister Friedrich Bernhard Benjamin Mischlich, der für auswanderungswillige Familien beim Kreisrat die "Entlassung aus dem großherzoglich hessischen Untertanenverband" beantragt habe. Ein "Untertan" sei nur mit Auflagen aus dem Untertanenverband entlassen worden. Eine andere Voraussetzung sei das Ableisten des Militärdienstes gewesen. Außerdem musste ein Auswanderer nachweisen, dass keine Forderungen von Gläubigern bestanden hätten. Eine Aufforderung an die Gläubiger, ihre Rechte geltend zu machen, sei in der Tageszeitung abgedruckt worden. Erst wenn solche Auflagen erfüllt gewesen seien, sei der Personenkreis aus dem Untertanenverband entlassen worden. Sie seien dann als "Fremde" bezeichnet worden.

Walbrecht hat recherchiert, welche Reisewege die Nauheimer Familien nach Baltimore oder New York nahmen. Dazu liegen ihm Dokumente von Agenten für Schiffsbefrachter vor. Unter anderem sei den Verträgen zu entnehmen, wie hoch das Gewicht des Reisegepäcks sein durfte und dass sich die Auswanderer während der Reise selbst verpflegen mussten. "Es gab ein Handgeld für die Familien, damit sich diese im neuen Land die ersten Grundbedürfnisse erfüllen konnten", informiert Walbrecht.

Die erste Gruppe habe im April 1853 Nauheim verlassen. Zehn Familien mit insgesamt 53 Personen seien im August 1853 in Baltimore angekommen. So ging es rund ein Jahr lang weiter. 1853/54 hätten sich insgesamt 25 Familien mit 134 Personen aus Nauheim verabschiedet. Es seien in erster Linie Tagelöhner und Handwerksgesellen gewesen, "die für immer und ewig ihre alte Heimat Nauheim verließen und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine neue fanden", erzählt der Heimatforscher. Rainer Beutel

Lothar Walbrecht

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