Das älteste Bild mit Nauheimer Kerweborsch stammt von 1901, aufgenommen vor dem Saal des Gasthauses "Zum Deutschen Kaiser". Repro: Rainer Beutel
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Das älteste Bild mit Nauheimer Kerweborsch stammt von 1901, aufgenommen vor dem Saal des Gasthauses "Zum Deutschen Kaiser". Repro: Rainer Beutel

Historie

Über den "wichtigsten Festtag im Jahr"

  • vonRainer Beutel
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Der frühere Ortschronist Karl-Heinz Pilz war mit der Kerb eng verbunden. Er hat sich ausführlich mit der Geschichte und den Problemen des Volksfestes befasst.

Nauheim -Anfang August - das war für die Nauheimer Kerweborsch seit fast drei Jahrzehnten der Beginn einer aufregenden Zeit. Die heiße Phase der Vorbereitungen für die "Naumer Kerb" lief an. Doch 2020 ist wegen Corona alles anders: Die Kerb wurde abgesagt. Als ob er so etwas geahnt hätte, hat sich der frühere Ortschronist Karl-Heinz Pilz noch vor seinem Tod im Februar ausführlich mit der Geschichte und den Problemen des Volksfestes befasst.

Pilz war mit der Kerb eng verbunden, vor allem, weil er die Kirchweih als Traditionsveranstaltung sah. 2019, als er seine Erinnerungen aufschrieb, bezeichnete er die Kerb für die Einheimischen als "wichtigsten Festtag im Jahr". Auch als Mitglied des Graslitzer Stammtisches, der über viele Jahre im Oktober mit Böllerschüssen noch vor dem offiziellen Bieranstich die Kerb eröffnete, war er dem Veranstaltungsreigen eng verbunden. Dass die Festivitäten schon voriges Jahr beinahe ausgefallen wären, weil es zu wenig Kerweborsch gab, bewegte Pilz außerordentlich und lieferte ihm den Grund, weiter zu recherchieren.

Wie alt ist die Naumer Kerb eigentlich? Das war die entscheidende Frage, der sich Pilz widmete. Denn so viel war klar: Auf eine bis ins Jahr 1489 nachweisbare Tradition wie im Nachbarort Königstädten können sich die Nauheimer nicht berufen, wenn sie immer am ersten Sonntag im Oktober in glückseliger Bierlaune das Volk fragen: "Wem is die Kerb?" Gleichwohl vertrat Pilz die Überzeugung, "dass auch die Nauheimer vor Hunderten von Jahren schon ihre Kerb feierten, nur etwas anders als heute".

Das erste belegbare Zeugnis einer Kirchweih in Nauheim stammt nach seinen Recherchen aus dem Jahr 1897. Er trieb eine Postkarte auf, die ein Nauheimer an eine gewisse Lissi Schmidt in Rüsselsheim adressiert hatte. Auf dem Kartenbild ist "ein farbiger Kerweplatz in Nauheim mit der Unterschrift ,Gruss von der Nauheimer Kerb 1897'", berichtete Pilz.

Wie ging es weiter? Er entdeckte ein Bild von 1901 mit "Kerweborsch vom Deutschen Kaiser", einer früheren Nauheimer Gaststube. Ein weiteres Foto datiere auf 1902. Auch darauf seien Kerweborsch zu sehen, allerdings sei nicht bekannt, zu welcher Gaststätte sie gehörten. "Erst aus den Jahren 1908 bis 1913 tauchen weitere Kerwe-Bilder auf", notierte Pilz.

Er listete auf, wo anno dazumal junge Leute als Kerweborsch auftraten, darunter der in diesem Jahr seit 150 Jahren existierende Hessische Hof, aber auch längst vergessene Lokalitäten wie die Wirtshäuser "Zur Eintracht" in der Vorderstraße oder die "Waldlust" in der Waldstraße. Es war seinerzeit üblich, dass sich Kerweborsch mit einer Gaststätte verbunden fühlten.

Pilz beschrieb, dass sich die Nazis erfolglos angemaßt hatten, die Nauheimer Kerb auf das letzte Wochenende im August zu verlegen. Er ging ausführlich auf die erste Kerb nach 1945 ein, die bescheiden ausgefallen sei. Wehmütig ruft er Namen früherer Kerweborsch in Erinnerung und erwähnt sogar die Mitglieder von Tanzkapellen. Zum Beispiel kommt in seinen Ausführungen der Nauheimer Fußballer Heini Kuhn vor, der 1947 und 1948 Kerwevadder gewesen sei, eine Kriegsverwundung am Fuß hatte und später bei einem Motorradunfall zu Tode kam.

Pilz' Beitrag zur Kerwegeschichte ist voller Anekdoten, besonders wenn es um eine "Erbfeindschaft zwischen Naumer Sandhasen und Kinsteerer Bären" ging, die von abgesägten Kerwebäumen bis zu der für Nauheim abwertend gemeinten Bezeichnung als "Neu-Graslitz" reichte. Damit spielten die Königstädter auf die vielen Vertriebenen an.

Wert legte Pilz darauf, Traditionen wie Musikanten, Fahnenträger, Kerwesträuße und die Kluft der Kerweborsch zu schildern. Vieles davon kam für jene zu spät, die 1992 die Kerb wiederbelebten, nachdem das Volksfest nur noch in Gaststätten, aber nicht mehr von Kerweborsch gefeiert wurde. Sie wussten von alldem nichts. 28 Jahre später gibt es Corona statt Kerb, aber diese merkwürdigen Umstände hat Karl-Heinz Pilz nicht mehr erlebt. Rainer Beutel

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