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Weniger Befugnisse: Ärger beim VdK

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Von: Rainer Beutel

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Brigitte Breckheimer (am Mikrofon) will nächstes Jahr als Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes aufhören. Sie ärgert sich über die Beschneidung von Kompetenzen bei der Beratung. FOTO: Rainer Beutel
Brigitte Breckheimer (am Mikrofon) will nächstes Jahr als Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes aufhören. Sie ärgert sich über die Beschneidung von Kompetenzen bei der Beratung. © Rainer Beutel

Beratungen dürfen nur noch in Kompetenzzentren erfolgen

Große Aufregung beim Sozialverband VdK: In Ortsverbänden dürfen keine Mitglieder mehr beraten werden. Das sei nur noch in Kompetenzzentren erlaubt, berufen sich höhere VdK-Gremien auf Verbandsvorschriften. Die Nauheimer VdK-Vorsitzende Brigitte Breckheimer ist darüber so verärgert, dass sie 2022 ihr Führungsamt niederlegen will.

"Es gibt Spielregeln, an die sich nicht alle gehalten haben", äußerte sich am Samstag, unmittelbar vor der Hauptversammlung des Ortsverbands, der anwesende Vorsitzende des VdK-Bezirks Darmstadt, Helmut Schwoll. In den VdK-Satzungen stehe, dass Ortsverbände Mitglieder nicht beraten dürften. Genau diese Unterstützung gilt aber im hiesigen Ortsverband, der nächstes Jahr 75 Jahre alt wird, als Hauptbestandteil der Sozialarbeit. In der Zeit vor Corona suchten jährlich 80 bis 100 Nauheimer den Rat von Vorstandsmitgliedern.

Wer den VdK brauche, etwa in Fragen des Schwerbehindertenrechts oder bei der Anerkennung als Rentner, solle künftig ein Kompetenzzentrum aufsuchen. Dies gelte für 162 Ortsverbände im VdK-Bezirk Darmstadt, sagte Schwoll. Nauheim könne keine Ausnahme sein, bestätigten Oliver Sonntag, stellvertretender Geschäftsführer des VdK-Landesverbands, und der amtierende Kreisvorsitzende Patrick Nau, die ebenfalls zur Hauptversammlung gekommen waren.

Sichtlich verstimmt

Die Funktionäre erklärten auf Anfrage, dass bei Beratungen in Kompetenzzentren die Datensicherheit und der Versicherungsschutz gewährleistet seien, persönliche Informationen an einer Stelle gebündelt würden und Juristen ständig zur Verfügung stünden. Das für Nauheim zuständige Kompetenzzentrum entstehe in Groß-Gerau beim Kreisverband. Ortsverbände hätten lediglich "eine Lotsenfunktion", so Schwoll. "Seit anderthalb Jahren machen wir während der Pandemie von Groß-Gerau aus nur Telefonberatung. Das funktioniert gut und ist sehr effizient", sagte Patrick Nau.

Auf diese Aussagen angesprochen, wirkte die Ortsverbandsvorsitzende Breckheimer sichtlich verstimmt. Sie betonte, dass sie zu keiner Stellungnahme bereit sei. Sie habe sich gegenüber dem Landesverband ausführlich geäußert und dort verpflichtet, nichts mehr zu sagen. Außerdem habe sie entschieden, nur noch bis 2022 Vorsitzende zu sein und sich dann anderweitig ehrenamtlich zu betätigen. Sie leitet den Ortsverband seit 2008, engagiert sich allerdings in der Vorstandsarbeit seit 1995. Breckheimer ist an führender Stelle für den Aufschwung des Nauheimer VdK verantwortlich, der zu Beginn ihrer Amtszeit kurz vor der Auflösung stand und mittlerweile knapp 600 Mitglieder hat.

Nachdem sie die Änderungen in einem Ausblick auf 2022 erwähnte, äußerten sich in der Hauptversammlung zahlreiche Mitglieder verärgert und in drastischen Worten. Der für sachliche Einschätzungen bekannte frühere Nauheimer Parlamentschef, VdK-Mitglied Karl Norbert Merz, bemühte sich, zwischen den Fronten zu vermitteln. Er sieht einerseits die Chance, neue Wege zu gehen. Er betonte aber auch, dass vor allem ältere Mitglieder den persönlichen Kontakt zu bekannten Beratern vor Ort wünschten, mit Video-Konferenzen nicht vertraut seien und längere Wege nach Groß-Gerau scheuten.

Austritte zu befürchten

Nach Merz' Ansicht "wäre es eine weise Entscheidung, wenn Kompetenzen dort gebündelt werden, wo Ressourcen sind" - in einem Ortsverband mit fast 600 Mitgliedern. Zumal etwa Brigitte Breckheimer als VdK-Beraterin ausgebildet und vom Verband anerkannt sei, wie diese erklärte. Allerdings habe er den Eindruck, so Merz, "dass die Entscheidung auf Bezirksebene längst eingetütet ist" und es in der Hauptversammlung "um eine Machtdemonstration gegangen" sein könnte. Lösungen oder Kompromisse seien von den Funktionären keine angeboten worden.

Wenn gute Arbeit an der Basis von oben abgeschmettert werde, sei es fraglich, wie sich Mitglieder verhielten. "Die stimmen mit den Füßen ab", befürchtet Merz Austritte. Für ein vertrauensvolles Miteinander in einem Ortsverband könne das Beschneiden von Kompetenzen gravierende Folgen haben. Vorstandsmitglieder müssten sich nun fragen, "was darf ich einem Mitglied überhaupt noch sagen?". Rainer Beutel

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