Wolfgang Schmall ist in der neuen Gemeindevertretung nicht mehr vertreten, weil die Freie Liste Nauheim nicht zur Kommunalwahl antrat. FOTO: RAINER BEUTEL
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Wolfgang Schmall ist in der neuen Gemeindevertretung nicht mehr vertreten, weil die Freie Liste Nauheim nicht zur Kommunalwahl antrat.

Interview

"Wir Haben immer zum Wohl Nauheims entschieden"

  • vonRainer Beutel
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Wolfgang Schmall über den Abschied der Freien Liste Nauheim aus dem Parlament

Nach der Kommunalwahl konstituiert sich heute die Gemeindevertretung. Nach 28 Jahren stellte sich die Freie Liste Nauheim (FLN) nicht mehr zur Wahl. Somit zieht sich auch einer der führenden Köpfe der FLN, der bisherige Fraktionschef Wolfgang Schmall, zurück. Rainer Beutel hat sich bei ihm nach seinen Erfahrungen in all den Jahren erkundigt und ihn um einen Ausblick gebeten.

Herr Schmall, wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

In der Summe positiv. Wo immer Probleme auftauchten, hat die FLN versucht, praktikable Lösungen zu finden. Nicht immer fanden wir die parlamentarische Mehrheit. Das hat uns nicht abgehalten, weiter zu machen und zum Wohl Nauheims und der Bürger unseren politischen Auftrag zu erfüllen. Waren es im negativen Sinne noch bis in die 1990er Jahre die allseits bekannten "Nauheimer Verhältnisse", so hat sich bis heute einiges verbessert. 1993 wurde die absolute Mehrheit der SPD in vergangenen Sitzungsperioden gebrochen. Es ist gelungen, vier Parteien unter einen Hut zu bringen. So konnte konstruktive Politik mit anderen Mehrheiten umgesetzt werden. Bald darauf beteiligte sich die SPD wieder inhaltlich an neuen Aufgaben.

Wie interpretieren Sie die Situation nach der Kommunalwahl mit drei fast gleichstarken Fraktionen und der FDP?

Dass nicht eine oder zwei Parteien über Mehrheiten verfügen, wird mit Beginn der kommenden Sitzungsperiode leider nicht mehr Standard sein. Zwar macht es dies um einiges leichter, Mehrheiten zu finden, allerdings besteht die Gefahr, dass (gute) Vorschläge aus den Oppositionsparteien nicht umgesetzt werden können. Ich wünsche und hoffe, dass die Prämisse bleibt, für gute Initiativen eine breite Mehrheit zu bekommen.

Was waren für Sie im Zusammenwirken mit der FLN-Fraktion die größten Erfolge?

Es gibt etliche Vorhaben, die von der FLN initiiert worden sind oder mit anderen Parteien umgesetzt werden konnten. Mich erfreut, dass es immer mehr Vorhaben gab, die einstimmig verabschiedet wurden. Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte "Verweis in Teil A der Tagesordnung" bei Sitzungen der Gemeindevertretung. Das heißt, dass sowohl in den Ausschüssen als auch in der Gemeindevertretung Einigkeit geherrscht hat.

Was hätte in der Vergangenheit im Parlament besser laufen können? Oder sind Sie völlig zufrieden?

Völlig zufrieden kann man in einer Versammlung, bei der parlamentarische Mehrheiten gelten, nie sein. Oft wünscht man sich ein anderes Ergebnis, muss aber auf Kompromisse eingehen, um zumindest einen Teil seiner Pläne umsetzen zu können. Allerdings sind wir zu keiner Zeit so weit gegangen, dass wir uns hätten verbiegen müssen. Unsere demokratische, politische Auffassung war hier immer Leitlinie.

Welche dringende Aufgabe steht aus Ihrer Sicht in naher Zukunft an?

Die Pandemie hat es mit sich gebracht, dass die Haushalte ab 2021 nicht ausgeglichen sein werden. Für 2021 konnte das formal durch Auflösen von Rücklagen bewältigt werden. Es kann auf längere Sicht nicht das Ziel sein, mit dem Geld der Bürger weiter so zu verfahren. In der nahen Zukunft muss ein Ausgleich geschaffen werden, in dem nur diese Ausgaben in Angriff genommen werden, die zur Lösung der wichtigsten Probleme notwendig sind. Hier wünsche ich den Parteien den Mut, auf Ausgaben zu verzichten, die nicht auf der Prioritätenliste ganz oben stehen.

Was schlagen Sie genau vor?

Meiner Meinung nach kann man heutzutage nicht mehr durch Gebührenerhöhungen den Geldsäckel der Gemeinde füttern. Ich sagte bei etlichen Haushaltsberatungen und -reden immer wieder, dass man sich nach der Decke strecken müsse. Hierzu gibt es unter den gegebenen Umständen keine Alternative.

Wie geht es mit der Freien Liste als politischer Verein weiter? Löst sich die FLN auf?

Bereits 2019 und 2020 haben wir wiederholt versucht, Mitglieder, vor allem jüngere, an die FLN heranzuführen. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist uns ein Riegel vorgeschoben worden. Wie wichtig unabhängige Wählerorganisationen sind, sieht man daran, dass es immer mehr Bürgermeister gibt, die keiner der traditionellen Parteien angehören sondern Mitglieder freier, lokaler Wählervereinigungen sind. Nach dem Ende der Pandemie werden wir die Werbetrommel für neue Mitglieder der Freien Wähler rühren. Die FLN bietet die Grundlage hierzu. Bei uns hat sich viel kommunales Wissen angehäuft, das wir an die jüngere Generation weitergeben wollen. Wir stellen uns vor, dass die FLN 2026 mit frischen, neuen, interessierten Mitbürgern an der nächsten Kommunalwahl teilnehmen wird.

Zur Person: Wolfgang Schmall engagiert sich seit April 1993 in der Kommunalpolitik. Er war von 1993 bis 2001 als Beigeordneter im Gemeindevorstand, danach von 2001 bis 2021 Gemeindevertreter, seit 2016 Fraktionsvorsitzender. Der 74 Jahre alte pensionierte Lehrer ist außerdem Vorsitzender der Kommission für kommunale Verschwisterungen und Vorsitzender des Odenwaldklubs Groß-Gerau. rabe

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