Schausteller Christoph Henke und seine Partnerin Julia Liberto haben es in der Corona-Krise nicht leicht. FOTO: RAINER BEUTEL
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Schausteller Christoph Henke und seine Partnerin Julia Liberto haben es in der Corona-Krise nicht leicht.

Handel und Gewerbe unter Corona

Zeit des Bangens ist noch nicht vorbei

  • vonRainer Beutel
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Schausteller Christoph Henke kann sich nur mit Mühe über Wasser halten.

An drei Tagen in der Woche ist der 26 Jahre alte Christoph Henke im Atrium anzutreffen. Meist wartet er auf hungrige Kundschaft in einem rollenden Verkaufshäuschen. Von dort strömt ein appetitanregender Duft über den Marktplatz. Unverkennbar riecht es nach gebratenem Fisch.

Henke ist im Atrium kein Unbekannter mehr. Voriges Jahr, kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie und dem ersten Lockdown, baute er auf dem Marktplatz seinen Verkaufsstand auf. Es war ein von Hoffnungen und Wünschen begleiteter Versuch, sich vielleicht ein paar Wochen über Wasser zu halten. Von heute auf morgen war Henke die Erwerbsgrundlage entzogen.

Von wegen "ein paar Wochen". Der Jungunternehmer ist Schausteller. Seinen Beruf kann er seit mehr als einem Jahr nicht mehr ausüben. Geändert hat sich daran bis heute nichts. Noch immer ist alles geschlossen, was nur entfernt an Vergnügen, Rummel und Gedränge vor einer Frittenbude denken lässt, bedauert er.

Fisch statt Crêpes im Angebot

Aus epidemiologischer Sicht akzeptiert Henke die einschneidenden Maßnahmen, die neben Dienstleistern, Selbstständigen und Schauspielern viele andere wie die Schausteller mit Wucht getroffen haben und vor existenzielle Fragen stellen. Doch wie lässt sich überhaupt noch Geld verdienen? Henke ist froh, dass er zumindest einen kleinen Ausweg gefunden hat, so dass er sich irgendwie über die Zeit des Bangens und Hoffens retten konnte - bis jetzt jedenfalls.

Er zeigt auf sein Verkaufswagen, der eigentlich mal ein Crêpes-Stand werden sollte. Inzwischen wurde er zum Fischstand umfunktioniert. Alles in Eigenleistung übrigens. Henke, der inzwischen fast schon zum Atrium-Stammpersonal zählen könnte, kommt in dritter Generation aus einer Schaustellerfamilie. Als Kind schon habe er "dieses Leben aufgesaugt", berichtet er. Er könne sich eigentlich "nichts Schöneres vorstellen, als von Fest zu Fest zu reisen".

Das Leben als Schausteller funktioniere frei nach dem Motto: Nach der Saison ist vor der Saison. Mit den Weihnachtsmärkten, wenn es denn welche gäbe, sei das Jahr zunächst beendet. Jedenfalls ein "normales", also eines ohne Pandemie. Aber Langeweile oder ein großer Urlaub sei nicht drin. Sofort beginne die Vorbereitung auf die nächste Saison. Manches sei zu reparieren oder auszubessern, vor allem an den Fahrzeugen, die kontrolliert werden oder über den TÜV müssen. Bald werden neue Standplätze gebucht und die ersten Märkte besucht.

Ohne Nebenjobs reicht das Geld nicht

Der übliche Ablauf ist seit 2020 durcheinandergewirbelt. Henke schuftet mittlerweile einige Tage in der Woche in einer Firma als Lagerarbeiter, um sich etwas dazu zu verdienen. Seine Eltern, die einen Festzeltverleih betrieben haben, bevor Corona jegliche Feste unterbunden hat, mussten schon ihr Materiallager räumen, bedauert er. Die Kosten seien zu hoch. Was mit den Zelten der Schaustellerfamilie passiere, wüssten die Henkes noch nicht. "Im Moment fährt der Vater Lkw und die Mutter auch", sagt Michael Henke.

"Ich kann mir ein Leben ohne Jahrmärkte, Buden, Feste oder Ähnliches gar nicht vorstellen", betont er. Er sei zu verwurzelt in der Materie. Er muss also Kosten sparen und auf niedrigem Niveau weiter machen. Deshalb ist er mit seinem rollenden Jahrmarktstand donnerstags und freitags von 11.30 bis 18 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr im Atrium anzutreffen. Dass er den Stand auf dem Marktplatz überhaupt aufbauen darf, verdanke er neben dem Atrium-Eigentümer Michael Adrian dem Gewerbeverein, erinnert er sich an die Erstkontakte 2020. Als er nicht mehr gewusst habe, wie und wohin, habe er den Vorstand gefragt. Da er schon früher bei den beliebten Festivitäten im Atrium mit einem Verkaufsstand beteiligt war, habe er die Erlaubnis bekommen, dort "wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen".

Nun hofft und bangt er, dass in Frankfurt ein Schwimmbad bald wieder aufmachen dürfe. Dort betreibt er einen Kiosk. So Corona es erlaube, werde er dort so lange Eis und Zigaretten, Bratwurst und Cola verkaufen, bis die Schwimmbadsaison vorüber ist. Dann kehre er mit seiner Partnerin Julia Liberto, die ihm auch beruflich zur Seite steht, wahrscheinlich wieder zurück ins Atrium. Rainer Beutel

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