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Wolfgang Kleinekofort, Professor an der Hochschule Rhein-Main, kann Organe wie Herz, Leber oder Lunge mit Sauerstoff versorgen und so für längere Zeit als bisher "am Leben halten". foto: ralph keim

Herz und Lunge frisch halten

Rüsselsheimer Professor will Organspende verbessern 

Rund zehn Prozent der gespendeten Organe werden durch Transport unbrauchbar. Ein Professor aus Rüsselsheim will das ändern. 

  • Professor in Rüsselsheim entwickelt neues Verfahren für Organspende
  • Zehn Prozent der Organe werden beim Transport unbrauchbar
  • Corona-Krise könnte Bewusstsein für Organmangel schaffen

Rüsselsheim - Im Jahr 2005 begann Wolfgang Kleinekofort, Professor für Medizintechnik an der Rüsselsheimer Hochschule Rhein-Main, mit den Arbeiten an einem ambitionierten Vorhaben: Er wollte eine Methode entwickeln, die für Transplantationen zur Verfügung gestellte Organe länger haltbar machen soll. Für die Ärzte, die sich um den Empfänger kümmern, würde das ein wertvoller Zeitgewinn bedeuten, so der Gedanke.

Professor will Transport für Organspende erleichtern

15 Jahre später kann er vermelden: "Es hat geklappt, es funktioniert. Eine US-amerikanische Firma setzt das Organ-Care-System genannte Verfahren auch schon ein." 2012 stellte der heute 50 Jahre alte Professor sein Projekt erstmals im Rüsselsheimer Echo vor.

In den Jahren danach arbeitete er weiter daran, publizierte die Ergebnisse und stellte sie auf Konferenzen vor. Und schließlich musste das Verfahren dann auch an Organen getestet werden. Alles verlief bestens.

Professor: Bei der Organspende geht es um wenige Stunden 

Mit dem von Professor Kleinekofort entwickelten Verfahren können lebenswichtige Organe mehr als 20 Stunden gelagert werden, indem sie mit einer speziellen Lösung "durchblutet", mit Sauerstoff versorgt und somit praktisch "am Leben" gehalten werden. Optimiert ist das System für die Leber, das Herz und die Lunge.

"Eine Niere kann auch angeschlossen werden. Allerdings sind Nieren relativ robust und können nach einer Spülung auch einfach auf Eis gelegt werden", erläutert Kleinekofort. Für die Patienten und auch für die Mediziner bedeutet das einen wesentlichen Zeitgewinn, der für den Patienten vielleicht über Leben oder Tod entscheidet.

Organspende scheitert an langen Transportwegen 

Rückblick: Zehn Prozent der rund 1200 im Jahr in Deutschland gespendeten Organe werden während des Transports unbrauchbar, lautete die Realität, als Wolfgang Kleinekofort mit seinem Projekt begann, für das er damals übrigens oft beim Metzger Schweinenieren kaufte.

Diese Schweinenieren eigneten sich bestens als Versuchsobjekte. Wird bei einem Organspender als Voraussetzung für die Spende offiziell der Hirntod festgestellt, beginnt nicht selten ein Wettlauf gegen die Zeit. Bis zu 48 Stunden kann eine Niere haltbar gemacht werden. "Daher sind Nierentransplantationen auch sehr erfolgversprechend", weiß Professor Kleinekofort.

Professor: Neues Verfahren verbessert Transport von Organspende

Bei einem Herz müssen sich die Mediziner schon sputen: Spätestens nach acht Stunden muss es transplantiert werden, eine Lunge sogar nach sechs Stunden. "Wenn der Spender in München stirbt, der Empfänger jedoch in Hamburg lebt, stellt die Transplantation auch eine logistische Herausforderung dar."

In der Regel werden die Organe gereinigt und für den Transport zum Empfänger auf Eis gelegt. Heute kann der Wissenschaftler sagen, dass mit dem Organ-Care-System 97 Prozent der transportierten Organe heil beim Patienten zur Verpflanzung ankommen.

In Deutschland kommt auf zehn wartende Empfänger nur ein Spenderorgan. Daran hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel geändert. Im letzten Jahr wurde über ein Gesetz diskutiert, das dieses Problem ändern sollte: Jeder sollte automatisch zum Organspender werden, sofern er es nicht eigenhändig widerruft. Doch es kam anders: Bei der Abstimmung Mitte Januar votierte eine Mehrheit des Bundestags dafür, dass es doch jedem einzelnen freigestellt wird zu entscheiden. Die Entscheidung zur Organspende soll allerdings vereinfacht werden, Hausärzte sollen ihre Patienten aufklären und zur Organspende ermutigen.

Corona-Krise könnte mehr Bewusstsein für Organspende schaffen

"Selbstverständlich bin ich Organspender und bedaure die Entscheidung des Bundestags zutiefst", unterstreicht Wolfgang Kleinekofort. Dass die Bevölkerung angesichts der aktuellen Coronakrise anderes im Kopf habe als über Organspende nachzudenken, glaubt der Wissenschaftler nicht.

"Ich bin sogar der Meinung, dass sich die Krise positiv auswirken wird", ist er überzeugt. Kleinekofort verweist darauf, dass Corona-Patienten an Lungenversagen sterben. "Gerettet werden könnten sie manchmal nur durch eine Lungentransplantation. Ich denke, dass angesichts der vielen Toten daher die Sensibilität innerhalb der Bevölkerung steigen wird."

Künstliche Zucht für Organspende bisher nicht geeignet

Die Vision der mit Organtransplantationen beschäftigten Wissenschaftler und Mediziner ist, dass Organe nachgezüchtet werden können. Doch da muss der Rüsselsheimer Professor auf die Bremse treten. "Von einer Organbank, aus der man sich im Bedarfsfall bedienen kann, sind wir noch weit entfernt." Bislang sei es lediglich gelungen, das Herz einer Ratte nachzuzüchten.

Außerdem benötigt man zum Nachzüchten ein gespendetes Original-Organ als Stützstruktur, von dem alle Zellen zunächst entfernt werden müssen. Anschließend wird diese Stützstruktur mit den Zellen des späteren Empfängers besiedelt, so dass Abstoßungsreaktionen nach Transplantation verhindert werden. "Und an Organen, sei es für die direkte Transplantation oder zur Gewinnung von Stützstrukturen, mangelt es ja immer noch."

Professor stellt Verfahren für Organspende frei zur Verfügung

Zurück zum Organ-Care-System. Bestimmt hat er es gewinnbringend verkauft?! Bei diesem Thema winkt der Professor lächelnd ab. "Überhaupt nicht. Ich habe nichts daran verdient." Er hätte eine entsprechende Firma gründen können, wollte er aber nicht.

"Mir reicht es zu wissen, dass mein Verfahren Patienten das Leben retten kann. Das genügt mir vollkommen."

Als Stellvertretender Geschäftsführer des in Rüsselsheim ansässigen Steinbeis-Instituts widmet er sich jetzt dem Thema Antikörper, die bekanntlich den Viren Beine machen. 

Ralph Keim

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