Aus Angst vor den Taliban will der aus Afghanistan geflüchtete Mann nicht erkannt werden. FOTO: Rüdiger Koslowski
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Aus Angst vor den Taliban will der aus Afghanistan geflüchtete Mann nicht erkannt werden.

Interview

"Man hätte viel früher mit der Evakuierung beginnen müssen"

Ein geflüchteter Afghane sorgt sich um seine Verwandten und spricht über die Situation in seinem Heimatland

Die USA ziehen nach 20 Jahren ihre Truppen aus Afghanistan ab. Die Taliban haben die Macht übernommen. Ein vor fünfeinhalb Jahren aus Afghanistan geflüchteter Mann hat große Sorgen um seine im Land verbliebenen Verwandten. Er möchte seinen Namen nicht nennen, weil er selbst in Deutschland noch Angst um sein Leben hat. Der verheiratete Familienvater gehört der Minderheit der Hazara, überwiegend schiitische Muslime, an. Die Taliban dagegen sind mehrheitlich sunnitisch, die Hazara würden von ihnen als Ungläubige betrachtet.

Der Mann selbst ist vom islamischen Glauben abgekehrt und bezeichnet sich als Atheist. Auf diese Entscheidung würden Muslime nicht erfreut reagieren, betont er. In Kabul leben noch Onkel, Tante, Neffen und Cousinen. Er sorgt sich um sie, weil sie einer Minderheit angehören, die von den Taliban verfolgt würden, sagt er. Hazara haben ostasiatische Gesichtszüge. Sie seien also bei Kontrollen leicht zu erkennen. Besonders große Angst habe er um seine Cousinen. Denn er habe gehört, dass die Taliban Mädchen zur Verheiratung mit ihren Kämpfern suchen sollen.

Von der Polizei gesucht

Der Afghane ist von seinem dritten Lebensjahr an im Iran aufgewachsen. Die Familie war vor dem Krieg mit der Sowjetunion geflüchtet. Als 18-Jähriger kehrte er alleine in die Heimat zurück. Ein Studium sei ihm allerdings verweigert worden, weil Afghanen aus dem Iran mehr geduldet als gemocht worden seien.

Er konnte indessen eine Ausbildung zum Edelsteinschleifer machen und führte über die Jahre auch ein gutgehendes Geschäft. Seine Abkehr von der Religion verriet er niemandem, was ihn jedoch nicht gehindert habe, gegenüber Religionsschülern seine kritische Meinung zu äußern. Daraufhin sei er geschlagen und von der Polizei gesucht worden.

Aus diesem Grund sei er zunächst in den Iran zurückgekehrt. Für das Land hatte er aber keine Aufenthaltsgenehmigung, weshalb er den Rat seiner Familie annahm und nach Deutschland flüchtete.

Er hat eine sehr differenzierte Meinung zu der Situation in seinem Heimatland. Die USA, sagt er, habe die Taliban mit ihrer Unterstützung in den 80er und 90er Jahren erst wachsen lassen. Er selbst habe nie gedacht, dass die USA auf ewig in Afghanistan bleiben werde. Und wäre Deutschland nun alleine in dem Land verblieben, hätten es gar nichts erreichen können.

Für ihn sei der Einzug der USA 2001 in Afghanistan eine große Chance für das Land gewesen. Die afghanischen Nationalisten hätten jedoch alle Hoffnungen zerstört. Die Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban sowie der Abzug seien für ihn ebenfalls keine große Überraschung gewesen. Allerdings hätten die Taliban nunmehr mit der Regierung über eine Bildung einer neuen Regierung verhandeln sollen, was nicht geschehen sei.

Auf das Schlimmste gefasst

Er sei zwar überrascht gewesen, dass die Taliban in solch kurzer Zeit das Land erobern und Kabul einnehmen konnten. "Die Taliban haben gesehen, dass sie erobern können, warum sollten sie sich anders verhalten?", stellt er dann aber pragmatisch fest.

Den chaotischen Abzug und die schlecht organisierte Evakuierung der Menschen könne er nicht nachvollziehen. "Man hätte viel früher mit der Evakuierung beginnen müssen, die Geheimdienste hätte die Lage erkennen müssen." Die Situation auf dem Flughafen in Kabul beurteilt er als völlig absurd. "Es funktioniert nicht, sich an ein Flugzeug zu hängen", die Menschen hätten in ihrer Panik irrational reagiert.

Er glaube nicht an ein friedliches Verhalten der Taliban, so, wie sie es selbst propagieren. Wenn sie verkünden würden, sie seien nicht mehr mit den Gotteskriegern vor 20 Jahren zu vergleichen, sei das eine Lüge. Deshalb glaube er, dass sich die Ortshelfer in großer Gefahr befinden würden. "Sie werden vielleicht verraten, ohne Gericht getötet", befürchtet er das Schlimmste.

Er glaube übrigens, dass die Taliban Angst vor den USA hätten, Angst vor einer Kriegsführung mit Drohnen. Er rechne aber auch damit, dass die USA auf jeden Fall das Land verlassen werden. "Afghanistan bleibt eine Wunde in der Welt", sagt der Mann.

Er sei dankbar, dass er in Deutschland lebe. Wenn Deutschland Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehme, sei er glücklich. Er frage sich allerdings auch, wie viele Flüchtlinge das Land noch aufnehmen solle. Es gelte vielmehr, einen Weg zu finden, wie das Land in Frieden leben könne.

Rüdiger Koslowski

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