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Alexander und Annette Berg schreiben dem Förderkreis für behinderte Menschen eine hohe Bedeutung zu. Annette Berg wird sich dennoch nicht mehr für den Vorsitz zur Verfügung stellen.

Vorsitzende hört auf

Förderkreises für behinderte Menschen: An der Spitze bahnt sich ein Wechsel an

Noch ist Annette Berg Vorsitzende des Förderkreis für behinderte Menschen. Als Mutter eines Kindes mit Gehbehinderung weiß sie um die Bedeutung einer solchen Einrichtung. Dennoch wird sie sich bei den anstehenden Wahlen nicht mehr aufstellen lassen.

Alexander Berg weiß, wie wichtig der Förderkreis für behinderte Menschen für Betroffene ist. Der 16-Jährige kam elf Wochen zu früh zur Welt und hat nach einer Gehirnblutung eine Gehbehinderung zurückbehalten. Er ist letztlich dafür verantwortlich, dass seine Familie im Förderverein landete. Über die Frühförderstelle der Werkstätten für Behinderte kam der Kontakt zum Stammtisch des Vereins zustande. Der Förderkreis suchte damals neue und vor allem junge Mitglieder. Heute ist seine Mutter Annette bereits seit zwölf Jahren Vorsitzende des Förderkreises.

„Da steckt viel dahinter“, sagt Alexander. Die Arbeit im Hintergrund nehme kaum jemand wahr, wie auch? Er aber schon. Und so weiß Alexander auch, dass sich seine Mutter bei den spätestens im März anstehenden Vorstandswahlen nicht mehr aufstellen lassen will. „Wichtig ist, dass das Amt jemand übernimmt. Der Verein ist eine wichtige Sache“, betont der Jugendliche.

Alexander war vier Jahre alt, als er und seine Familie Mitglied beim Förderkreis für behinderte Menschen wurden. Er gehört dem Verein schon fast sein ganzes Leben an. Seine 49 Jahre alt Mutter ist hingegen nicht nur seit zwölf Jahren Mitglied bei dem Verein, sondern ebenso lange auch dessen Vorsitzende. Sie macht keinen Hehl aus ihrem Beweggrund, den Vorsitz abgeben zu wollen. Die Arbeit für den Verein in Verbindung mit dem beruflichen Pensum würden auf ihren Schultern lasten.

Aufgaben wurden mehr

Die Planungen für die Aktivitäten des Vereins, die Teilnahme am Inklusionsbeirat des Kreises, und an den Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen – beides gab es bei ihrem Amtsantritt vor zwölf Jahren noch nicht – werden Berg inzwischen einfach zu viel.

Sie erinnert daran, dass sie während all der Jahre noch ein behindertes Kind durch die Grundschule und die Realschule gebracht hat. Jetzt besucht Alexander die 11. Klasse der Gustav-Heinemann-Schule in Rüsselsheim und bereitet sich auf das Abitur vor. „Die Anforderungen werden nicht weniger“, sagt Berg und meint damit sowohl die Belastung der Eltern als auch ihres Sohnes.

Nun müsse die Vereinsarbeit zurückstecken und ganz leicht falle Berg das Berg trotz des hohen Arbeitspensums nicht. Den kaum wurde sie Mitglied des Vereins, war sie auch schon dessen Vorsitzende. „Ich fand es gut, was der Verein machte“, blickt sie zurück. Sie empfand es als wichtig, sich für den Verein zu engagieren. Der notwendige Zeitaufwand wurde ihr indessen erst später bewusst. Vor zwei Jahren hatte Berg schon einmal mit ihrer Demission gedroht. Damals mahnte sie größeres Engagement von den Vereinsmitgliedern an. Es funktionierte, Arbeitskreise unterstützten sie bei den Planungen für die Veranstaltungen.

Dieses Mal ist ihre Ankündigung aber unumstößlich. Sie hofft, einen Nachfolger zu finden. Zwei Personen für das Amt habe sie bereits ins Auge gefasst, doch sei noch etwas Überzeugungsarbeit notwendig.

Gezielte Beratung

In irgendeiner Form wolle sich Berg aber weiterhin im Verein einbringen. Denn sie hält ihn nach wie vor für wichtig und nennt an erster Stelle den Austausch von Eltern behinderter Kinder, der dort stattfinde. Es sei etwas anderes, mit Betroffenen über die Lebenssituation zu sprechen, als mit Eltern von nichtbehinderten Kindern. „Eltern von behinderten Kindern verstehen die Situation“, sagt sie. Verzögerte Entwicklung, Krankengymnastik, Untersuchungen und permanente Unterstützungen prägen den Alltag. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten für die Urlaubsplanung. „Es ist alles anders, nichts ist selbstverständlich“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Gerade deshalb wirbt sie für den Verein und dessen Fortbestand auch im Zeitalter des Internets. „Wenn ich nicht weiß, was ich suchen soll, nutzt auch das Internet nichts“, nennt sie die Grenze des Surfens und die Vorteile des gezielten Wissensaustausches im Verein.

von RÜDIGER KOSLOWSKI

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