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Jens Domnowski, Leiter des Facility-Managements bei Segula, zeigt auf das Firmenschild in der Elisabethenstraße.

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Zu Besuch bei den Segula-Machern - vieles wirkt improvisiert

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Manche sprechen von einem Start-up, andere von "Dienstleistungsbutze". Dabei kann sich jeder selbst ein Bild machen vom neuen Unternehmen Segula in Rüsselsheim, das möglichst viele Ingenieure von Opel übernehmen will. In der Firmenzentrale in der Elisabethenstraße untermalt derzeit Baulärm die Aufbruchsstimmung.

Rüsselsheim - Martin Lange beugt sich über seinen Tisch. "Sie sehen, wir arbeiten hier mit schlanken Strukturen", sagt er und zeigt auf seinen Schreibtisch. Kein Festnetz, sondern Mobiltelefon, kein PC, nur ein Laptop. An den kahlen Wänden hängen Zeitungsartikel, welche die Medien zuletzt über Segula verfasst haben. Und viele kleine gelbe Merkzettel. "Vom ersten Brainstorming in der französischen Konzernzentrale", sagt Lange, der Deutschland-Chef von Segula.

Damals, da ging es darum, wie man das Ding in Rüsselsheim angehen will. Von "Day 1" an, so wie jemand mit großen Buchstaben auf das Plakat gekritzelt hat. Tag eins hat genau genommen im Winter vergangenen Jahres begonnen. 2000 hochqualifizierte Leute wollte man von Opel holen, um das Geschäft mit den Ingenieursdienstleistungen aus dem Stand aufzubauen. Im Januar ist man mit gerade mal einer Handvoll Mitarbeitern in das Bürogebäude in der Elisabethenstraße gezogen. Gleich hinter den Bahngleisen.

Alle sieben Minuten

Alle sieben Minuten rauschen draußen Züge vorbei. "Ist das Fenster gekippt, hat man schon mal den Eindruck, die Züge fahren direkt durch das Zimmer", sagt Lange. Zum Schienengeratter kommt derzeit das Motorengeräusch eines Hubwagens, der gerade an der Außenwand hoch und runter fährt. Handwerker sind dabei, alle Fenster in dem in die Jahre gekommenen Gebäude auszutauschen.

Überall wird gewerkelt. Menschen wuseln über die Gänge. Aus der Ferne erklingt ein Bohrhammer. Martin Lange lacht. "Nach so vielen Jahren in leitenden Positionen, kommt es nicht mehr auf den Schreibtisch und die Größe des Büros an", meint er. Sein Zimmer im dritten Stock teilt er sich mit Personalchef Udo Bekker, einst Herr über 20 000 Angestellte bei Vattenfall.

Beide haben schon viel in ihrem Berufsleben erlebt, so viel Start-up-Feeling allerdings noch nicht. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - wird viel gelacht. Sie nehmen es mit Humor. Auch dass die Wände so dünn sind und die Kollegen rechts und links nebenan jedes Wort verstehen, wenn sie telefonieren.

Mittlerweile sind es 49 Festangestellte auf 300 Quadratmetern, verteilt auf lange Flure und spärlich möblierte Zimmer, mit denen das Projekt für einen europäischen Engineering-Campus gestemmt werden soll. Kollegen für die Finanzen, den IT-Bereich, die Rechtsabteilung oder die Kommunikation und das Facility Management sind hinzugekommen.

So wie Jens Domnowski, der zuvor 18 Jahre lang bei Opel war. Im ersten Stock sitzen die Recruiter. Die Tische und Stühle sind geliehen oder bei Ikea gekauft. "Wir wollen langfristig Nachhaltiges schaffen", gibt Martin Lange als Losung aus. Aktuell erzielt Segula in Deutschland eigenen Angaben zufolge einen Umsatz im zweistelligen Millionen-Bereich. Als Ziel des Unternehmens ist einen Marktanteil in einer Größenordnung von rund zehn Prozent vorgesehen. Die Zeit drängt ein wenig.

Monate im Verzug

Mindestens zwei Monate ist man mit dem Aufbau in Rüsselsheim in Verzug. Die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern haben sich schwieriger erwiesen als gedacht. Die Annäherung an manche Opel-Vertrauensleute erst recht.

Eine Sache, welche die Segula-Macher immer noch frustriert. Bis heute hat man nicht einmal miteinander gesprochen. Einen unangenehmen Nachklang hat bei ihnen auch der wenig schmeichelnde Begriff der "Diensleistungsbutze" hinterlassen. Ein bisschen viel Gegenwind für den Geschmack der Segula-Führung. Der Druck mache aber erst recht stark, sagt Lange. Die Stimmung sei gut, versichert er.

Zu einem freiwilligen Wechsel von Opel zu Segula erklärten sich anfangs nur 20 Leute bereit. Mittlerweile sind es 140. "Wir schließen natürlich weiter Verträge mit Opel-Mitarbeitern, die zu uns wechseln wollen", sagt Kommunikationschef Immo von Fallois.

Zwölf sogenannte "Ambassadors" (Botschafter), darunter viele Opel-Führungskräfte, die bald bei Segula tätig werden, sollen unter ihren Kollegen werben. Der Aufbruchsgeist solle sich herumsprechen. "Let's shape the future together" ("Lasst uns die Zukunft gemeinsam gestalten") steht auf einem Segula-Werbeplakat.

Manch ein Bewerber steht schon mal mit seiner Mappe plötzlich in der Tür, erzählt Martin Lange. Das erste, was sie dann sehen, wenn sie im dritten Stock aus dem Aufzug steigen, ist neuerdings eine Schaufensterpuppe in grauer Segula-Arbeitsmontur unter Neonröhrenlicht.

"Die Menschen bleiben"

Von hier oben im Segula-Übergangsprovisorium hat man aber auch den Opel-Turm und das Werksgelände im Blick. Es ist die wortwörtliche Aussicht auf den bevorstehenden Umzug. Nicht mehr lange, dann wollen sie dort hin. Wenn das "Closing" über das Geschäft mit Opel vermeldet werden kann, gerechnet wird spätestens mit August, will Segula dort Gebäude im P- und M-Bereich beziehen. Ihr Quartier in der Elisabethenstraße werden sie dann hinter sich lassen. "Die Menschen, sie werden bleiben", sagt Martin Lange.

"Nach so vielen Jahren im Management kommt es nicht mehr auf den Schreibtisch und die Größe des Büros an."

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