+
In Rüsselsheim entstehen viele neue Wohnungen, wie hier am Friedensplatz. Weitere sind geplant, sie werden dringend benötigt.

Wohnungsmarkt angespannt

Aufholbedarf: In Rüsselsheim fehlen 1800 Wohnungen

  • schließen

Bauen, bauen, bauen oder hat das Wachstum eine Grenze? Fachleute prognostizieren bei einer Bürgerversammlung steigenden Bedarf an Wohnungen. Auch die Mieten dürften steigen.

Rüsselsheim - Sieht man sich die gegenwärtige Lage auf dem Wohnungsmarkt an, kommt dem Rhein-Main-Gebiet als Ballungsraum eine besondere Bedeutung zu. Hier kulminieren die Probleme: Die Nachfrage an Wohnraum ist in vielen Städten und Gemeinden groß, das Angebot ist niedrig. Was tun?

Auch Rüsselsheim hat in Sachen Wohnungsbau aufzuholen, um den Bedarf in den kommenden Jahren zu decken. Rund 1800 Wohnungen fehlen derzeit, rechnete Diplom-Ökonom Matthias Günther bei einer Bürgerversammlung am Donnerstagabend zum Thema "Bezahlbarer Wohnraum in Rüsselsheim" vor. Ein Spitzenwert sei das im Vergleich mit anderen Kommunen in Hessen.

Nur eine Handvoll Zuhörer war in den großen Sitzungssaal des Rathauses gekommen. Sie erfuhren, dass bis ins Jahr 2035 der Zuzug neuer Bürger sogar noch ansteigen könne, gleichzeitig würden die Mieten vermutlich auch hier steigen. Dennoch bescheinigte der Fachmann vom Eduard Pestel Institut für Sozialforschung der Stadt gegenwärtig eine gute Ausgangslage. Genauso wie Stadtverordnetenvorsteher Jens Grode (SPD) in seiner Eingangsrede, führte Matthias Günther das vor allem auf die "starke kommunale Wohnungswirtschaft" mit der städtischen Baugesellschaft Gewobau an der Spitze zurück, die mittlerweile in Rüsselsheim jede vierte Wohnung vermietet.

Rüsselsheim: Glückliche Lage

Ein Drittel aller Wohnungen sind zudem öffentlich gefördert, wurde deutlich. Das wirkt wie ein Puffer auf die Gefahr von Wohnungen als Spekulationsobjekt und exorbitant hohe Mieten. Die Gewobau entfalte eine "preissenkende Wirkung" auf den Mietmarkt in Rüsselsheim, so Günther.

Rüsselsheim könne sich glücklich schätzen, bestätigte auch Axel Tausendpfund, Direktor des Verbands der Wohnungswirtschaft Südwest. Die Stadt habe eben nicht vor Jahren den Fehler gemacht, ihre städtischen Baugesellschaft zu verkaufen, so wie viele andere Kommunen. "Andere würden sich solch eine Situation wie in Rüsselsheim jetzt wieder wünschen", sagte Tausendpfund. Und: "Haben Sie den Mut, neues Bauland auszuweisen", adressierte er an die Lokalpolitiker, wenn auch "mit Augenmaß", schränkte er ein.

Oberbürgermeister Udo Bausch (parteilos) verwies auf 130 Millionen Euro, die die Gewobau in den kommenden Jahren investieren würde. Als Beispiele nannte er die geplanten Großprojekte im Ostpark oder auf der Eselswiese. Dabei werde die Stadt den sozialen Wohnungsbau nicht aus den Augen verlieren: "Es wird auch weiterhin bezahlbare Wohnungen in Rüsselsheim geben", prognostizierte der Oberbürgermeister. Gleichzeitig plane man in den nächsten Jahren auch innerstädtische Nachverdichtungen. Nachverdichtungen - ein Thema, über das überhaupt noch zu wenig in der Runde an diesem Abend gesprochen wurde, warf Baustadtrat Nils Kraft (SPD) ein. Er sehe noch Potenzial für neuen Wohnraum in innerstädtischen Gebieten, beispielsweise auch auf dem Opel-Firmengelände.

Rüsselsheim: "Keine Gentrifizierung"

Eine Möglichkeit, die die städtische Gesellschaft Gewobau laut ihrem Prokuristen Holger Münch schon länger im Blick hat. Wo Nachverdichtung theoretisch möglich sei, habe man bereits in einem Wohnungsentwicklungsplan festgehalten.

Um der Gefahr vor Bodenspekulationen entgegenzuwirken, solle laut Baustadtrat Kraft bei neuem Bauland schließlich vielmehr das beste Konzept über die Vergabe entscheiden, und nicht ein "Best-Price"-Verfahren. Auch im Hinblick auf bezahlbaren Wohnraum. "Es geht am Ende auch um die Frage, wiewir wohnen wollen", sagte Kraft.

"Wir wollen in Rüsselsheim keine Gentrifizierung", postulierte Rüsselsheims Bürgermeister Dennis Grieser (Grüne). Allein rund 1900 neue Wohnungen würden mit den Vorhaben im Ostpark (400) und auf der Eselswiese (1500) entstehen, ein Viertel davon sei im Ostpark für sozialen Wohnungsbau vorgesehen, auf der Eselsweise sei es eine dreistellige Zahl. Gleichzeitig sah er auch Bund und Land in der Pflicht, Rüsselsheim bei seinen Bemühungen um den Wohnungsbau mehr zu unterstützen. Die Stadt sei chronisch unterfinanziert.

Thomas Müller, Vorsitzender von Haus und Grund in Rüsselsheim, kritisierte ebenfalls Bund und Länder. Das Mietrecht mit Preisbremsen oder Kappungsgrenzen zu regulieren, erscheine aus Sicht der Politik wohl populär, führe aber ganz und gar nicht zu mehr Wohnungen oder niedrigeren Mieten. Letztlich laufe es jedoch auf eine strategische Entscheidung hinaus, sagte Referent Matthias Günther. Will man Wachstum oder Grenzen setzen? Die Antwort müsse die Rüsselsheimer Politik liefern.

In einem neuen Look erscheint seit einigen Tagen der Wintergarten der Opelvillen in Rüsselsheim. Zum Staunen brachte die Polizei in Rüsselsheim außerdem ein Spürhund, der einen vermissten Mann entdeckte.

Olaf Kern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare