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Das Dach des evangelischen Gemeindehauses neben der Matthäuskirche am Böllenseeplatz wird mit dem Sortiergreifer abgerissen.

Wohnungen und Kindergarten geplant

Das alte Gemeindehaus in Rüsselsheim ist Geschichte - Platz für neues Bauprojekt geschaffen

Das alte evangelische Gemeindehaus am Böllenseeplatz weicht einem Neubau. An seiner Stelle entsteht dort ein "Ort für Begegnungen". Über dem neuen Kindergarten werden seniorengerechte Wohnungen gebaut.

Rüsselsheim - "Es geht voran und wir entwickeln etwas Neues. Es ist wichtig, dass die Kirchengemeinde Verantwortung übernimmt für ein Projekt, welches das Zusammenleben im Stadtteil fördert und alle Generationen und Kulturen miteinander ins Gespräch und in die Begegnung bringt", sagt Pfarrer Andreas Jung von der evangelischen Martinsgemeinde in Rüsselsheim. Er hat die Baustelle und die Zukunft im Blick: In der Böllenseesiedlung wird jetzt ein "Ort für Begegnungen" entstehen.

Felix Büttner hat in seinem Baugerätehaus den Überblick; Eine Woche lang hat er geebnet und gebaggert, den Platz hinter dem flachen 1950er-Jahre-Bau, dem evangelischen Gemeindehaus neben der Matthäuskirche am Böllenseeplatz, platt gemacht. Dann kam der mächtige Sortiergreifer zum Einsatz. Erst hat der 20-Jährige damit das Dach und danach die Wände "zusammengelegt". Plastik, Metall und Holz mussten gesammelt und sortiert werden. Am Ende legte er die Kellerdecke frei und nahm sie ab - später wird sie wieder verfüllt.

Spannendes Vorhaben

Im Jahr 1954 war das Gebäude als Kindergarten gebaut worden. Damals lebten mehr als 23 000 evangelische Christen in Rüsselsheim, das waren 59 Prozent der Einwohner. Feierlich wurden Kirche und Kindertagesstätte für mehr als 100 Mädchen und Jungen von Kirchenpräsident Martin Niemöller eingeweiht. Im Gebäude lebten auch eine Gemeindeschwester, eine Erzieherin und das Küsterehepaar.

Damals, 1954, war der Baugeräteführer Felix Büttner aus Meiningen-Walldorf hinter Fulda noch gar nicht auf der Welt, und die Mauer zwischen Ost und West war noch nicht gebaut. Zwischen Rhön und Thüringen hatten seine Eltern die Grenze zur DDR vor Augen. Felix Büttner kennt die Mauer und die Teilung Deutschlands nur aus Erzählungen.

Er wurde 1998 geboren, wuchs mit Landmaschinen auf und absolvierte die Ausbildung zum Baugeräteführer als Jahrgangsbester mit Auszeichnung der Industrie- und Handelskammer Hessen. Dabei hat er vieles gelernt: Mauern, Metallverarbeitung, Bauschalung, Pflastern und Maschinentechnik. Mit der Firma und Kollegen aus Fulda war er für den Abriss des Gemeindehauses zuständig. Und er findet spannend, was auf dem Böllenseeplatz geplant ist.

Weniger Raumbedarf

Andreas Jung hat von seinem Pfarrhaus alles im Blick und erklärt: "Auf dem halben Grundstück mit dem Nachbargelände der Gewobau entsteht ein Nachbarschafts- und Familienzentrum, ein Sechs-Millionen-Projekt. 100 Plätze für den Kindergarten in Trägerschaft der evangelischen Martinsgemeinde und ein Nachbarschafts- und Familienzentrum in Gemeindeträgerschaft mit eigenen Räumen." Zudem gebe es Räume für den Verein Auszeit, der am Böllensee schon lange Jahre Angebote für Kinder und Jugendliche anbietet. "Und die Gewobau baut auf dem Dach des Kindergartens Wohnraum für neun seniorengerechte Wohnungen, davon sieben für eine Person und zwei Wohnungen für jeweils zwei Personen."

Die Zahl der evangelischen Christen in ganz Rüsselsheim wie auch in der Böllenseesiedlung ist gesunken und so auch der Raumbedarf für die Kirchengemeinden. Anhand der Zahl ihrer Mitglieder werden von der Landeskirche Zuweisungen und Pfarrstellen bemessen. Ein Prozess, der Kürzungen wie auch den Abriss des Gemeindehauses zur Folge hat. Vom evangelischen Kirchengemeindeverband Rüsselsheim werden die Raumkürzungen in der Stadt umgesetzt. Der Höchststand von gezählten 63 000 Rüsselsheimer Einwohnern im Jahr 1978 - seitdem das Gebäude als Gemeindehaus und von einem Küsterehepaar genutzt wurde - wurde danach nie wieder erreicht.

Im Jahr 1961, nach dem raschen Wiederaufbau der Stadt, des Opel-Werks und der Eingliederung vieler Heimatvertriebener aus dem Osten lebten 23 219 evangelische (58,8 Prozent) und 13390 katholische (33,9 Prozent) Christen in der Stadt. Heute zählt die Martinsgemeinde 1536 Mitglieder. In ganz Rüsselsheim leben heute - Königstädten mitgerechnet - 12 778 evangelische Christen. Die Zahl der evangelischen Kirchengemeindemitglieder in Rüsselsheim ist damit in den vergangenen 60 Jahren um etwa die Hälfte gesunken.

Andreas Jung, der Pfarrer der unter dem Namen Martinsgemeinde fusionierten ehemaligen Matthäus- und Stadtkirchengemeinde, freut sich, dass die Pläne für das Nachbarschafts- und Familienzentrum nun endlich wahr werden. Der Bund fördert das Projekt mit 1,17 Millionen Euro, und die evangelische Kirche übernehme Verantwortung, so Jung, "für ein Projekt, das ein Zusammenleben im Stadtteil fördert und alle Generationen und Kulturen miteinander ins Gespräch und in die Begegnung bringt." Das Gebäude, dessen Mauern viel Leben, Kinderlachen und Geschrei, Begegnungen, Freuden- und Trauertränen kannten, ist nun abgerissen. Aber das ist kein Grund zur Wehklage. Ein neues Gebäude wird gebaut, wieder ein Ort für Begegnungen. Vielleicht kommt Felix Büttner ja später mal mit seinen Kindern und Enkeln vorbei. Und die können dann stolz sein auf ihren Vater oder Opa - wegen des Fundaments, das er neu verfüllt hat, für etwas, das bleiben und Generationen zusammenhalten soll.

red

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