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Rüsselsheim sträubt sich gegen den Standort eines Ikea- Verteilzentrums - ganz anders in Elsdorf in Norddeutschland. (Symbolbild)

Möbel-Gigant

Kommt Ikea bald nach Rüsselsheim? Magistrat zeigt sich skeptisch

Alle sprechen von Ikea in Rüsselsheim. Kommt das Verteilzentrum oder nicht? Es wäre nicht die erste neue Logistikhalle dieser Art. In Norddeutschland eröffnete der Möbelgigant vor einem Jahr erst ein solches Haus. Ganz ohne Nebengeräusche.

Rüsselsheim/Elsdorf - Alles war hergerichtet für den großen Tag. Im Festzelt spielte ein deutsch-schwedisches Duo Gitarrenmusik. Auf den Tischen standen Plastikpflanzen und Duftkerzen. Von der Bühne grüßte ein Banner mit einem schwedischen "Hej", serviert wurde Köttbullar, berichtet die örtliche Presse.

Wohlfühl-Atmosphäre im tristen deutschen Januar 2018, in Elsdorf in der niedersächsischen Provinz zwischen Hamburg und Bremen. Gerade mal 2000 Menschen leben hier. Der "Gewerbepark" gleich nebenan ist mit 28 Hektar aber so groß wie ein eigener Stadtteil. Und die Möbel-Welt hielt an diesem Tag Einzug.

Ikea feierte 2018 in Elsdorf mit vielen geladenen Gästen die Grundsteinlegung für eines ihrer neuen Verteilzentren, das anschließend in nur wenigen Monaten hochgezogen wurde: 500 Meter lang, 120 Meter tief, vier Stockwerke hoch. 40 000 Quadratmeter Stellfläche bietet das Hallengebäude - Platz für mehr als 36 000 Paletten.

Der Möbel-Discounter investierte rund 60 Millionen Euro am Standort mit direkter Verkehrsanbindung an die Autobahn 1. Auch in Rüsselsheim soll bekanntlich auf Opel-Gelände, das man eigens dafür vom Autobauer abgekauft hat, ein solches Lager entstehen in einer Größe von 50 000 Quadratmetern. Zum Unmut vieler im Magistrat allerdings.

Ikea in Rüsselsheim: Es wird noch gezögert

In Elsdorf rollen hingegen längst die Lieferwagen. Ob Esstische, Deckenleuchten oder Deko-Kissen: Kunden aus ganz Norddeutschland werden mit Artikeln, die zuvor im Internet bestellt wurden, beliefert. Die Käufer sollen nicht länger als drei Tage warten, lautet das Versprechen. Dahinter steckt eine neue strategische Ausrichtung. Der Möbelriese will seinen Online-Handel in Deutschland ankurbeln. Denn auch die Deutschen kaufen immer mehr Möbel im Internet. In den nächsten zehn Jahren soll das Gschäft im Netz zwischen 15 und 25 Prozent am Gesamtumsatz ausmachen, heißt es bei Ikea. Vom Standort Rüsselsheim aus hat man den Rhein-Main-Neckar-Raum als Liefergebiet im Blick. Weitere blau-gelbe Verteilzentren sind quer über die Republik verteilt.

Wo man in Rüsselsheim allerdings zögert und dass Vorhaben mit einem nachträglich verfassten Bebauungsplan womöglich noch torpedieren könnte, lief in Norddeutschland alles nahezu geräuschlos und in Windeseile ab.

Ikea-Geschäftsführer Johannes Ferber, der auch jetzt in Rüsselsheim verantwortlich für die Expansion zeichnet, frohlockte einst angesichts des "atemberaubenden Tempos" bei den erforderlichen Genehmigungen in Elsdorf und bedankte sich bei der Gemeinde für die "gute Kooperation". Zwei, vielleicht drei Jahre Vorlaufzeit habe man gespart. Das Grundstück war bereits baureif. Am Tag der Besichtigung habe man schon den Zuschlag vom Bürgermeister bekommen.

Ikea in Rüsselsheim: "ein absolut verlässlicher und hoch professioneller Partner"

"Ein Meilenstein" sei das Projekt, sagte Elsdorfs Bürgermeister Andreas Bellmann damals bei der Grundsteinlegung. Die Gemeinde und der Landkreis zähle zu den Profiteuren. Schließlich habe Ikea 150 Arbeitsplätze geschaffen.

Nur Positives kann derzeit auch Christoph Reuther, Leiter der Wirtschaftsförderung im Verwaltungsverbund, zu dem Elsdorf gehört, berichten. Ikea sei ein "absolut "verlässlicher" und "hoch professionellen" Partner. Alle vertraglich vorher vereinbarten Auflagen seien erfüllt und sogar noch übererfüllt worden, etwa bei der Bepflanzung von Ausgleichsflächen.

Bewirtschaftet wird das Lager nicht von Ikea selbst, sondern von einem großen Bremer Logistikunternehmen. Über die An- und Abfahrtszeiten der Lieferwagen, und ob sie auch nachts fahren würden, dazu kann Wirtschaftsförderer Reuther nichts sagen. Grundsätzlich sei das Gebiet als Industriegebiet festgelegt, so dass ein Betrieb an sieben Tagen die Woche und 24 Stunden am Tag möglich sei.

Auf das Dach des Lagers hat Ikea noch eine Photovoltaikanlage gebaut, die 45 Prozent des benötigten Stroms erzeugt. Es gibt eine Luft-Wasser-Wärme-Pumpe, eine Fußbodenheizung und vier E-Tankstellen für Lieferanten, Mitarbeiter und Besucher, darunter vier Schnell-Ladesäulen. Richtig sei auch, sagt Christoph Reuther, dass der Elsdorfer Standort für Logistikunternehmen durch die Anbindung an die Autobahn wie geschaffen sei. Kleine und mittlere Betriebe, wie sie etwa dem Rüsselsheimer Magistrat für das Opel-Gelände vorschwebten, wären hier nicht vorzustellen.

Ikea in Rüsselsheim: Umsätze in der Online-Branche wachsen stetig

Doch in anderen Gebieten des Verwaltungsbezirks versuche man genau das: Eine Mischung aus großen und kleinen, innovativen Unternehmen anzusiedeln. Das Risiko sei dadurch gestreut. Platz müsse für alle da sein, auch für Logistikschwergewichte. Schließlich müsse auf gesellschaftliche Entwicklungen im Handel einfach adäquat reagieren.

Einen rein innovativen Gewerbepark für produzierendes Handwerk und kleine Betriebe, könne man zwar fordern, meint Reuther, hätte aber mit der Realität nichts zu tun. Die Leute würden nun mal im Internet bestellen, da helfe es auch nicht, einzelne Projekte zu verhindern. "Oder wollen wir zurück ins Mittelalter?", fragt Reuther.

Neben klassischen Versandprodukten wie Kleidung und Büchern, steigen auch die Umsätze der Möbelbranche im Onlinehandel stetig. Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmen EcommerceDB hat allein Amazon im Jahr 2018 in Deutschland rund 1,3 Milliarden Euro mit Möbeln umgesetzt, dicht gefolgt von Otto mit rund 1,1 Milliarden Euro. Ikea dominiert zwar den stationären Handel in Deutschland, liegt mit 300 Millionen Euro Onlineumsatz aber auf dem dritten Platz. 

Wie das Marktforschungsunternehmen Kantar TNS jüngst im Auftrag von Otto ermittelt hat, haben bereits 37 Prozent aller Deutschen Möbel online gekauft. 48 Prozent der Befragten gaben an, dass es grundsätzlich für sie in Frage kommt Möbel online zu kaufen. Die größte Kaufbereitschaft haben jüngere Paare und Familien. 43 Prozent der Probanden vergleichen im Internet die Preise, unabhängig davon ob sie später auch online einkaufen oder einen Laden aufsuchen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung KPMG wird der Onlinehandel im Bereich Einrichtung künftig weitere Umsatzrekorde setzen, der stationäre Handel wird zunehmend verdrängt. 

red

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