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Juniorchef Peter Emig (rechts) zeigt es an: Um diese Haltebucht geht es. 

Barrierefreiheit

Wegen Bauplänen der Stadt Rüsselsheim: Dem Schreibwarenladen Emig droht der Kollaps

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Dem Schreibwarenladen Emig droht der Kollaps. Die Stadt Rüsselsheim möchte die Bushaltestelle in der Hasslocher Straße barrierefrei umbauen.

Rüsselsheim - "Wir werden alles tun, um das zu verhindern", sagt Peter Emig. Der Juniorchef des Schreibwarenladens in der Haßlocher Straße gibt sich kämpferisch. Denn er fürchtet nicht weniger als um einen Großteil seines Geschäfts. 

Emig ist gegen eine Baumaßnahme der Stadt Rüsselsheim

Stein des Anstoßes ist eine Baumaßnahme, welche die Stadt Rüsselsheim in Auftrag gegeben hat. Sie will die Bushaltstelle barrierefrei umbauen und dabei gleichzeitig den Haltestreifen wegnehmen, auf dem die Busse bislang angehalten haben. Und das seit Jahren. Gleichzeitig haben aber auch Kunden den breiten Streifen neben der Straße genutzt, um eben mal schnell zu halten und im Geschäft der Emigs, das mittlerweile in dritter Generation geführt wird, einzukaufen.

Die Stadt will gesetzliche Vorgaben umsetzen und schrittweise alle Bushaltestellen in Rüsselsheim barrierefrei umbauen. Die Bauarbeiten für die Haltestelle Moselstraße/Haßlocher Straße sollten bereits in diesem Frühjahr beginnen. So hatte es der Magistrat der Stadt beschlossen.

Peter Emigs Laden drohen Umsatzeinbußen

Für Peter Emig und seinen Vater, der ebenfalls mit Vornamen Peter heißt, ein Schreckensszenario. Denn der Laden mit 20 Beschäftigten, der zu den umsatzstärksten Händlern von Schreibwaren und Schulutensilien in ganz Deutschland gehört, macht einen Großteil seines Geschäfts im ersten Halbjahr.

Geschätzt bei Kunden, die sogar bis zu 80 Kilometer Anfahrt auf sich nehmen, um sich hier beraten zu lassen, ist besonders das Angebot an Schulranzen. Diese werden naturgemäß im ersten Halbjahr, also vor Beginn eines neuen Schuljahres, erworben. Von großem Vorteil sei laut den Emigs auch, dass Kunden direkt vor der Tür halten könnten, mehr oder weniger geduldet von den Ordnungsbehörden. 

Davon profitiere nicht zuletzt der Kiosk im Haus nebenan, der von Halil Ibrahim Can betrieben wird und gleichzeitig für die Post eine Paketannahmestation unterhält. Abgesehen von den Kiosk-Kunden stehen vor seiner Tür auch mindestens einmal pro Tag die Postfahrzeuge, um die zahlreichen Pakete abzuholen.

Emig fürchtet, dass die Kunden ausbleiben

"Wenn hier gebaut wird, wer soll dann hier noch halten können", fragen sich die Emigs und Halil Ibrahim Can. Und was werde erst aus dem Geschäft, wenn die Haltebucht mal nicht mehr da sei, ergänzen sie. Sie befürchten, dass ein Großteil der Kunden nicht mehr kommen werde.

Betriebswirt Peter Emig (32), der mit dem Laden auch seine berufliche Zukunft eng verbindet, hält derzeit geplante Investitionen in den Ausbau des seit Jahren stetig prosperierenden Geschäfts zurück. "Würden wir auf einmal viele Kunden verlieren, müssten wir sogar Ladenfläche zurückbauen", sagt er.

"Aus Gründen der Fahrdynamik und Barrierefreiheit wird der jetzige Haltestreifen für ein dichtes Heranfahren an den Bussteig auf die Fahrbahn vorverlegt", heißt es in einem Schreiben der Stadt vom 3. September 2018, mit dem die Anwohner informiert wurden.

Emig fühlt sich von der Stadt Rüsselsheim übergangen

Vorgesehen ist später ein abgerundeter Bordstein (im Fachjargon: "Kasseler Sonderbord"), der als Randstein verwendet wird und höher ist als die gewöhnliche Bordsteinkante.

Mit dem Schreiben wurden die Emigs laut ihren Aussagen jedoch vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihr größter Vorwurf: "Wie kann man bei so etwas uns als Betrieb nicht in die Planungen einbeziehen", fragt sich Seniorchef Peter Emig empört. Dass nach der Baumaßnahme der Verkehr vor der Haustür optimaler fließen würde, daran glauben die Geschäftsleute nicht. 

Im Gegenteil. Sie rechnen mit langen Rückstaus, wenn die Busse hier dann auf der Straße halten würden, zumal sich auf der anderen Straßenseite in Gegenrichtung auch eine Haltstelle befindet.

Familie Emig und Stadt Rüsselsheim liegen im Streit

Persönliche Gesprächstermine sind, auch nach mehrmaliger Anfrage seitens der Familie Emig, mit Verantwortlichen der Stadt nicht zustande gekommen. Stattdessen gibt es einen langen Schriftwechsel. Auch einen Anwalt haben sich die Emigs genommen. So konnte erreicht werden, dass die Stadt den Baubeginn auf den 26. August 2019, also nach Beginn des neuen Schuljahres, verschoben hat. 

Den Vorwurf, dass der barrierefreie Ausbau der Bushaltestelle einen Eingriff in den Gewerbebetrieb bedeuten würde, weist das Tiefbauamt zurück. Die Kundenparkplätze seien währen der Bauzeit nach wie vor anfahrbar. Zudem gebe es ja die Halteflächen am Burggrafenlacher Weg. Diese seien von Dauerparkern belegt, erwidern die Emigs. Sie wollen weiter dafür kämpfen, dass alles so bleibt, wie es ist. Und hoffen auf ein zugesagtes Treffen mit dem Bauausschuss, der sich die Situation an Ort und Stelle am 13. Juni anschauen will.

Von Olaf Kern

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