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Schusssichere Weste, Kugelschreiber und Funkgerät gehören zur Ausrüstung der Stadtpolizisten. Auch Handschellen und ein Schlagstock.

Viel mehr als nur Knöllchen-Schreiber

Unterwegs mit der Stadtpolizei: Von illegalen Glücksspielgeräten bis zum Grillen im Ostpark

Sind die Stadtpolizisten nur die neuen Politessen? Wer kommt denn auf so etwas? Ihre Arbeit wird an allen Ecken und Enden gebraucht, wie ein ganz normaler Nachmittag auf Streife zeigt.

Rüsselsheim - Vor zwei Wochen erst, da hatten sie einen großen Fisch an der Angel. Es war um die Mittagszeit mitten in der Fußgängerzone. Da hatten sie einen Seriendieb auf der Straße wiedererkannt. Mit einem Foto wurde nach ihm gesucht, Ladenbesitzer hatten es anfertigen können. Es zeigte den Täter sehr genau.

Der Mann hatte Parfüms gestohlen, dann Kleidung in einem Kaufhaus. Ein anderes Mal teure Schuhe. Immer um die Mittagszeit. Immer ging es blitzschnell. Der Täter kam ins Geschäft, nahm sich, was er wollte, und ging wieder zur Tür raus. Dieses Mal lief er den Kollegen von der Stadtpolizei direkt vor die Füße. Ein Glücksfall für die Kollegen, die in Rüsselsheim im Fachbereich Sicherheit und Ordnung angestellt sind.

Sie sind die Stadtpolizisten. Die Außendienstler, früher nannte man sie Schutzmänner, heute sind sie polizeirechtlich Hilfspolizeibeamte im Sinne des Paragrafen 99 des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung, im Job aber Polizeivollzugsbeamten gleichgestellt. Wo Stadtrecht, manchmal auch übergeordnetes Recht, durchgesetzt werden muss, kommen sie ins Spiel. Und sie werden an allen Ecken und Enden gebraucht.

Neun Kollegen, bald zehn

Kaum eine Minute vergeht, da in Rüsselsheim nicht eine Ordnungswidrigkeit begangen wird. Das ist hier nicht anders, als in anderen Städten.

Die Stadtpolizei, die diese kleinen und größeren Delikte ahndet, kann nicht alles sehen. Auch das ist nicht anders, als in anderen Städten. Immerhin sind es aber hier insgesamt neun Angestellte, die im Zwei-Schicht-Betrieb Recht und Ordnung in Rüsselsheim im Blick halten. Im Sommer soll noch ein zehnter Kollege hinzukommen.

Immer wieder begegnen den Kollegen auf ihren Einsätzen Glücksspielautomaten, bei denen entweder der TÜV abgelaufen ist oder die ganz und gar illegal betrieben werden.

„Wir können nicht überall sein“, sagt einer der Kollegen, der schon seit Gründung der Abteilung dabei ist. „Aber wir arbeiten daran“, schiebt er hinterher. Der Satz ist eigentlich witzig gemeint. Gleichzeitig steckt so viel Wahrheit in ihm. Drei Stunden auf Streife an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag im Rüsselsheimer Frühling machen das erst richtig klar.

Drei Stunden, das ist nur eine Momentaufnahme, zugleich zeigt sich aber die große Palette ihrer mühsamen Tätigkeit, der Alltag, der nie gleich ist, der immer das Ungewisse bereit hält, was heute wohl kommen mag, die Begegnungen mit den Menschen, und mit den Verfehlungen, die sie begehen.

Adresse Palais Verna

Heute stehen „Nachkontrollen“ an. Die zwei Kollegen steigen an der Dienststelle mit der schicken Adresse im Palais Verna in ihren blau-weißen Opel Zafira. Sieht aus wie ein Polizeiauto, steht aber Stadtpolizei drauf. Von den Beamten im Präsidium unterscheidet sie noch die Ausrüstung, die sie mit sich tragen. Keine Schusswaffe, dafür ein Teleskopschlagstock und Pfefferspray zur Verteidigung. Einsetzen mussten sie die Geräte noch nie. Höchstens damit drohen. Trotzdem sind sie immer zu zweit unterwegs, um sich im Ernstfall gegenseitig zu schützen.

Zum Beispiel bei diesem Kneipenbesitzer im Hasengrund. Vor einer Woche wurden bei ihm Spielautomaten ohne TÜV-Plakette festgestellt. Die Frist, diese nachzuliefern, ist abgelaufen. Deshalb schauen die Kollegen heute wieder vorbei. Sie haben sich vorher angekündigt, was sie sonst so gut wie nie machen. Doch wird der Betreiber da sein? Wie wird er reagieren? Zeigt er sich kooperativ? Oder vielleicht doch nicht?

Zum Glück verläuft alles ganz friedlich. Die Automaten in einem winzigen Hinterzimmer ohne Fenster haben sogar TÜV-Plaketten. Bei näherem Hinsehen stellen sie sich allerdings als schlecht gemachte Fälschungen heraus. Der Kneipenbesitzer muss dieses Mal nicht dafür gerade stehen. Er hatte darauf vertraut, dass der Betreiber der Automaten, der sie in seinem Auftrag hier hingestellt hat, korrekt liefert. Hat er aber nicht. Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten fühlen sich mehr als veräppelt und lassen die Automaten sofort abholen. Hier und jetzt. Von nun an gelten sie als Beweismittel in einem Strafverfahren. Urkundenfälschung. Der Automatenaufsteller wird angerufen. Er bestreitet noch nicht einmal die Fälschung der Plaketten.

Plötzlich hektisch

Stattdessen wird der Kneipenbesitzer plötzlich hektisch. Er fürchtet um sein Geschäft am Wochenende. Ein großer Teil seiner Einnahmen hängt von den zwei Automaten ab, gibt er zu.

Ein Abschleppunternehmen wird herbeitelefoniert und hievt die kiloschweren Geräte weg. Ab jetzt werden sie in einer geheim gehaltenen Lagerhalle untergestellt, dort wo schon circa 50 andere Automaten stehen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren dank der Stadtpolizei außer Betrieb gesetzt wurden. Zum Teil sind es sogar ganz und gar illegale Modelle, die vermutlich im Ausland umprogrammiert und wieder ihren Weg in Rüsselsheimer Gaststätten gefunden haben. Demnächst sollen einige der Automaten in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion vernichtet werden.

Ausbildung kostet

Seit sie die Kontrollen für die Glücksspielgeräte durchführen, seien es immerhin deutlich weniger geworden, erzählen die Kollegen. Dafür tauchen sie jetzt in anderen Städten im Kreis wieder auf. Ein klassischer Verdrängungseffekt.

Die Automaten werden sichergestellt und an einem geheimen Ort als Beweismittel in einem Strafverfahren aufbewahrt.

Dass ihnen bestimmte Delikte immer wieder begegnen, das gehört auch zu ihrem Job. Trotzdem sagen die Kollegen, von denen einer früher einmal Koch war, der andere Werkzeugmechaniker bei Opel: „Langweilig wird es nie.“

Die dreimonatige Grundausbildung zum Stadtpolizisten ist teuer und muss privat finanziert werden, ebenso die Aufbaulehrgänge, etwa im Umgang mit dem Pfefferspray. Denn sie sind weit mehr als nur Knöllchen-Schreiber. Für den ruhenden Verkehr ist seit Anfang des Jahres eine private Sicherheitsfirma zuständig. „Eine große Entlastung“, heißt es.

Trotzdem schreiten sie natürlich noch ein. „Stammkunden“ nennen sie die, die mit dem Auto immer wieder auf Gehwegen parken. Wie vor dieser Shisha-Bar im Berliner Viertel. Der Fahrer bekommt einen blauen Zettel. Er nimmt es gelassen.

100 Euro, ein Punkt

Ebenso ein Autohalter in der Innenstadt, der in der Ladezone außerhalb der erlaubten Zeiten steht: 30 Euro. Mit Handy am Steuer: 100 Euro und ein Punkt. Ein Mann läuft über eine rote Ampel: Ermahnung. Ein Mercedes-AMG-Fahrer hat keinen Verbandskasten: Mündliche Verwarnung. Dabei sind die Ordnungshüter bestimmt, bleiben aber immer höflich. Zwischendurch werden sie noch in den Ostpark gerufen, weil dort verbotenerweise gegrillt wird. Außerdem kontrollieren sie einen Supermarkt, in dem Getränke ohne Pfandzeichen verkauft wurden. Die Pausen sind nur kurz. Delikte kennen keinen Dienstplan. „Currywurst beim Globus?“ „Jo“. Dazu kommt am Ende der Schreibkram.

Aber auch das gibt es: Eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand tritt an diesem Tag an den Dienstwagen heran. Die Kleine hätte Angst vor der Polizei. Ob man da nicht was machen könne, fragt die Mutter durchs offene Fenster. Die Kollegen versuchen zu beschwichtigen: „Wir kommen doch, weil wir helfen. Nicht weil wir was Böses wollen.“

von Olaf Kern

Hobby-Winzer stellen edle Tropfen her und kümmern sich um die Natur

Dass zwei Rüsselsheimer die Idee hatten, ihren eigenen Apfelwein zu produzieren, ist jetzt neun Jahre her. Mittlerweile hat sich ein ganzheitliches Projekt entwickelt, das auch der Natur zugute kommt.

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