Martin Skalsky befürchtet: Ohne die Mitgliedsbeiträge sieht es für den Verein schlecht aus. Archivfoto: Daniela Hamann
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Martin Skalsky befürchtet: Ohne die Mitgliedsbeiträge sieht es für den Verein schlecht aus. Archivfoto: Daniela Hamann

Bilanz

550 Austritte bei der Turngemeinde

  • vonDr. Daniela Hamann
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Sorgenfalten beim Vorstand: Der Verein gerät wegen Corona unter massiven Druck. Fast 20 Prozent weniger Mitglieder bedeuten große finanzielle Einbußen.

Rüsselsheim -Nicht nur Unternehmen und Betriebe leiden unter dem Lockdown. Auch Vereine bekommen die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen stark zu spüren. Für die Turngemeinde (TG) Rüsselsheim sieht es aktuell gar nicht rosig aus, wie Martin Skalsky vom geschäftsführenden Vorstand des Vereins berichtet.

"Wir haben im vergangenen Jahr rund 550 Mitglieder durch Austritte verloren. Das sind fast 20 Prozent unserer Gesamtzahl an Mitgliedern. Die Zahl hat sich von etwa 3400 auf unter 2900 reduziert", schildert Skalsky. Besonders um den Jahreswechsel herum seien viele Mitglieder ausgetreten.

"Wirtschaftlich ist das für uns schlimm. Dabei sind viele Menschen ausgetreten, um die Beiträge zu sparen, wenn keine Angebote stattfinden, oder weil sie in Kurzarbeit sind und es sich nicht leisten können", erklärt sich Skalsky die zahlreichen Austritte. "Viele haben damit argumentiert, dass aktuell von gewerblichen Sportanbietern, wie zum Beispiel Fitnessstudios, keine Beiträge erhoben werden, von den Vereinen jedoch schon."

Alle Abteilungen betroffen

Dabei sei die rechtliche Lage bei Vereinen und gewerblichen Anbietern von Sportaktivitäten unterschiedlich. "Bei einem Fitnessstudio unterschreibt man einen Vertrag über die Nutzung der Geräte. Bei uns geht es um die Mitgliedschaft. Und die bleibt ja auch im Lockdown bestehen, während ein Fitnessstudio die Geräte nicht zur Verfügung stellen kann."

Die Austritte verteilten sich auf alle Sparten und Abteilungen der TG. Besonders stark seien sie jedoch in den Bereichen Gesundheitssport und der Altersgruppe 40-plus sowie bei den Angeboten Kleinkinderturnen und Kleinkinderschwimmen zu bemerken. "Das sind die Angebote, bei denen eine Wiederaufnahme auf längere Sicht nicht möglich scheint, so prognostizieren die Experten", erläutert Martin Skalsky. Bei den Mannschaftssportarten habe es hingegen die wenigsten Austritte gegeben.

In den Jahren zuvor sei es der TG immer gelungen, die Zahl der Austritte durch Neueintritte abzufedern. Doch 2020 sei die Zahl der Neueintritte sehr klein und fange die Summe der Austritte nicht ab. "Sollten noch 200 bis 300 Menschen den Verein verlassen, wird es für die TG finanziell sehr eng", prognostiziert Skalsky und sagt: "Ich finde es unverständlich, dass die Menschen den Verein in einer Krise verlassen, ohne aber daran zu denken, dass sie vielleicht nach der Pandemie wieder beitreten wollen. Es kann dann aber sein, dass es den Verein nicht mehr gibt, weil er es nicht geschafft hat, finanziell zu überleben."

Er und das ganze Vorstandsteam hätten in den vergangenen Monaten viel mit den Mitgliedern telefoniert, erzählt Skalsky "Wenn mir jemand gesagt hat, er möchte austreten, weil er zum Beispiel in Kurzarbeit ist, habe ich vorgeschlagen, seine Mitgliedschaft in eine Fördermitgliedschaft umzuwandeln. Davon profitieren beide Seiten."

Er sei sich auch nicht sicher, ob sich die TG schnell wieder von den finanziellen Einbußen erholen werde, sobald die Turn- und Übungsstätten wieder geöffnet werden dürfen. "Unsere fest angestellten Übungsleiter haben wir in Kurzarbeit geschickt. Unsere Trainer und Kursleiter auf Mini-Job und Honorarbasis bekommen aktuell kein Geld." Auch das sei schlimm. Dennoch habe der Verein weiterlaufende Kosten zu tragen.

"Wir sind der einzige Verein in der Stadt, der über eigene Sportstätten verfügt. Nach dem ersten Lockdown hat uns dies die Möglichkeit geboten, als erste wieder ein Angebot - mit einem durchdachten Hygienekonzept - zu starten. Doch gleichzeitig bedeutet das auch nun wieder, dass wir den Unterhalt dafür aufbringen müssen."

Auch die Hilfsprogramme von Bund und Ländern können die ausgefallenen Mitgliedsbeiträge nicht ausgleichen. "Die Hilfsprogramme sind in erster Linie für entgangene Einnahmen aus Kursen, Vermietungen der Sporthallen, und so weiter da, aber nicht für die gemeinnützigen Mitgliedsbeiträge, die den größten Teil der Vereinseinnahmen ausmachen. Die Politik weist immer wieder auf die soziale Verantwortung von Vereinen hin, lässt uns aber derzeit im Stich", sagt Martin Skalsky etwas entmutigt.

Geplanter Neubau

Zumal die Turngemeinde auch Umbaupläne habe. "Diese Pläne müssen wir eigentlich umsetzen, um zukunftsfähig zu bleiben", betont Skalsky. Aufgrund des teilweise maroden Zustands des Sportzentrums sei es kaum möglich, einen Neubau noch weiter aufzuschieben. Mit der aktuellen Situation sei jedoch die Verhandlungsposition des Vereins hinsichtlich eines Bankenkredits keine gute.

"Wir sind bereit, den Sportbetrieb wieder aufzunehmen, sobald es geht." Ein Brief an die Mitglieder sei bereits vorbereitet. Nur das Datum, wann es wieder losgeht, müsse noch eingetragen werden. In der Zwischenzeit böten nicht nur die einzelnen Abteilungen, sondern auch der Gesamtverein ein abwechslungsreiches Online-Sportprogramm an. "Wir tun alles dafür, dass die Mitglieder die Möglichkeit erhalten, sich zu bewegen", betont das Vorstandsmitglied. "Auch wenn es nur auf digitalem Wege und im eigenen Wohnzimmer geht."

Trotzdem bleibt es spannend, wie lange die TG die derzeitige Situation noch aus eigenen Kräften stemmen kann. "Ebenso wie Einzelhandel, Gastgewerbe und Co. wünschen wir uns eine langfristige Perspektive für Sportvereine während der Pandemie", stellt Skalsky klar. "Es ist jetzt an der Zeit, diese zu diskutieren und den Stellenwert der Vereine für unsere Gesellschaft nicht nur zu betonen, sondern auch durch Taten zu unterstützen." Von Daniela Hamann

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