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An diesem Abend ließ es sich auch die Witwe von Hans Diebschlag nicht nehmen, mitsamt der Original-Vorlage für das Etikett vorbei zu schauen.

Rüsselsheimer Riesling

Ein Abend mit dem Gott des Weines

Den Rüsselsheimer Riesling ziert in diesem Jahr ein ganz besonderes Etikett. Zur Vorstellung war der Adlersaal voll besetzt.

Von PETER SCHNEIDER

Das vinophile Großereignis im Rüsselsheimer Jahreslauf ist sicherlich die jährliche Präsentation des neuen Jahrgangs des Rüsselsheimer Rieslings. Dieses Jahr fand diese sinnenfreudige Veranstaltung unter dem Motto „Staunen – Flanieren – Genießen“ im restlos gefüllten historischen Rüsselsheimer Adlersaal statt. Ganz Rüsselsheim war versammelt, um die wie immer mit einem Künstleretikett ausgestatteten 0,5-Liter-Fläschchen zu verkosten, begleitet von einem kurzweiligen musikalischen, humoristischen und natürlich auch kulinarischen Unterhaltungsprogramm.

Der Verein „Winzerfreunde Rüsselsheim“ kümmert sich unter seinem rührigen Vorsitzenden Albrecht Schmidt seit 1985 mit großem ehrenamtlichem Engagement um den auf dem 50. Breitengrad liegenden 800 Quadratmeter großen Weinberg im Herzen der Stadt. Eine geschichtsträchtige Angelegenheit, denn die weltweit erste urkundliche Erwähnung der Rebsorte Riesling fand in der Tat im Jahr 1435 in Rüsselsheim statt. Die gesamte Weinbergsarbeit wird von den Mitgliedern geleistet, ausgebaut wird der gute Tropfen als trockener Riesling dann im renommierten Hochheimer Weingut von Gunter Künstler. Ein exklusives Produkt, denn die Stadt Rüsselsheim bekommt jährlich 72 Flaschen als Pachtzins, die nur zu offiziellen Anlässen ausgeschenkt werden. Die restlichen Flaschen werden nur an Mitglieder der Winzerfreunde für je zwölf Euro verkauft.

 

Zur Begrüßung freute sich Albrecht Schmidt, „dass trotz schwieriger Bedingungen im Jahr 2014 wieder ein ausgezeichneter Riesling erzeugt wurde“. Besonders stolz sind die Winzerfreunde in diesem Jahr auf das aktuelle Künstleretikett mit dem Motiv „Bacchus“, dem Gott des Weines und des Rausches. Das prächtige Etikett war die letzte Arbeit des in diesem Jahr verstorbenen Ur-Rüsselsheimers Hans Diebschlag, einem weltweit angesehenen Maler. Der zuletzt in England lebende Künstler ist den Rüsselsheimern noch durch sein Monumentalbild „Wir lieben das Marschieren“ ein Begriff. Zwei seiner Bilder, „Rüsselsheim-Madonna“ und „Kind Of Blue“ konnten an diesem Abend im Original auf der Bühne bewundert werden. Seine Witwe Shelagh und sein Schwager und engster Freund Andreas Hasselbach, der die Zuschauer in seiner Rede tief in die Geschichte des Bacchus-Kultes und seiner ausschweifenden Riten eintauchen ließ, waren selbstverständlich vor Ort.

Für den humoristischen Part war der Mundartpoet und Geschichtenerzähler Walter Renneisen zuständig, der das Kolorit der hessischen Dialekte in seiner ganzen Bandbreite mit großem Einsatz demonstrierte. Auch wenn ein paar ehrwürdige Kalauer darunter waren, sorgten seine Schwänke, Lieder und Sprüche für große Heiterkeit und kräftiges Schenkelklopfen beim weinseligen Publikum. Getreu dem Dialektausruf: „Geh fort, bleib’do!“ Ein optischer Sinnenschmaus war danach die von Kurt Eisenacher moderierte Kostüm-Präsentation von vier Bacchantinnen. Die Schwestern Juliane und Miriam Claudi haben teils vom Barock, teils vom Jugendstil inspirierte Kostüme entworfen. In diesen aufwendig genähten Gewändern, die Weinsorten symbolisieren sollen, präsentierten sich vier charmante Grazien.

Ansonsten gehörte die Bühne aber den ganzen Abend über dem Trio des Rüsselsheimer Salonorchesters, das den Genuss der kulinarischen Kreationen der drei Rüsselsheimer Gastronomen Kurt Eisenacher, Peter Kolb und Goran Sosic sowie die korrespondierenden Weine der vier anwesenden befreundeten Weingüter Erbeldinger, Weinegg, Vollmer und Künstler kultiviert untermalte.

Und wie schmeckte er nun, der aktuelle Rüsselsheimer Riesling? Um es mit den Worten des Stadtrats Siegbert Reinig, der in Vertretung des Oberbürgermeisters gekommen war, zu sagen: „Der ist gut, fruchtig, mit moderater Säure und schön trocken.“

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