Da rauchen die Köpfe: Vom 21. April bis 5. Mai legen auch die Schüler in Rüsselsheim ihre Abiturprüfungen ab. Foto: dpa
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Da rauchen die Köpfe: Vom 21. April bis 5. Mai legen auch die Schüler in Rüsselsheim ihre Abiturprüfungen ab.

Schule

Abitur im Ausnahmezustand

  • Dorothea Ittmann
    vonDorothea Ittmann
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Die Prüfungsphase beginnt nach den Osterferien. Auch dieses Mal ist vieles anders. Für zusätzliche Verunsicherung sorgte der Vorschlag, die Abschlussklausuren ausfallen zu lassen.

Rüsselsheim - Nach den Osterferien beginnen für rund 23 500 Schüler in Hessen die schriftlichen Abiturprüfungen. Vom 21. April bis 5. Mai absolvieren auch an den Rüsselsheimer Gymnasien die Abschlussjahrgänge die schriftlichen Prüfungen. Trotz des verpflichtenden Präsenzunterrichts für die Abschlussklassen konnte der Unterrichtsstoff in den Schuljahren 2019/20 und 2020/21 während der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt vermittelt werden. Eltern und Lehrer befürchten Lerndefizite. Immer wieder taucht der Begriff "Corona-Abitur" in der Debatte auf.

Die Regierungschefs der Länder haben aufgrund der erschwerten Unterrichtsbedingungen im Dezember vergangenen Jahres angekündigt, dass in den anstehenden Abschlussprüfungen, insbesondere beim Abitur, nur diejenigen Lerninhalte Prüfungsgegenstand sein sollen, die auch vermittelt wurden.

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) macht weitreichende Zugeständnisse: Die Prüfungstermine wurden um mehrere Wochen nach hinten verschoben, die Schulen erhalten für jedes Prüfungsfach einen zusätzlichen Aufgabenvorschlag, und die Bearbeitungszeit wird um bis zu eine halbe Stunde pro Prüfungsfach verlängert. Freiwillige Corona-Selbsttests vor jeder Prüfung sollen zudem mehr Sicherheit bieten.

Der Rüsselsheimer Schuldezernent Dennis Grieser (Grüne) vertraut auf die Entscheidungen auf Landesebene: "Ich gehe davon aus, dass die Schulen zusammen mit dem Staatlichen Schulamt und dem Kultusministerium Wege finden, Corona-konforme Abschlussprüfungen durchführen zu können. Wo der Schulträger helfen kann, werden wir das sicherlich tun", verspricht er.

Flexibel auf die Situation reagieren

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die Prüfungsphase nach Ostern angesichts der steigenden Infektionszahlen und einer befürchteten dritten Corona-Welle mit großer Besorgnis. Die Länder müssten flexibel reagieren und notfalls von Prüfungen absehen, appelliert GEW-Chefin Marlis Tepe an die Regierungschefs. Die Kursnoten könnten allein die Grundlage für die Abiturnote sein, so der Vorschlag.

Roland Lobenstein, Vorsitzender des Stadtelternbeirats Rüsselsheim, kann beide Seiten verstehen. Die Prüfungen ausfallen zu lassen ist seiner Meinung nach aber keine Lösung. Fehlende Abschlussprüfungen werteten das Abitur 2021 ab und gäben ihm den Ruf, ein "Notabitur" oder "Corona-Abitur" zu sein, was dem Jahrgang später die Bewerbung um Ausbildungsstellen und Studienplätze erschweren könnte. Dabei seien sie durchaus qualifiziert. Insbesondere die Gymnasialschüler seien vergleichsweise gut auf die Prüfungen vorbereitet.

Mehr Sorgen mache er sich dagegen um die Haupt- und Realschüler, von denen mehr als am Gymnasium aus bildungsfernen Haushalten kämen. Die neunten und zehnten Abschlussklassen schreiben vom 7. bis 11. Juni ihre Prüfungen. "Manche Schüler bleiben im Distanz- und Wechselunterricht auf der Strecke. Die Folgen sind für uns noch nicht absehbar", so Roland Lobenstein.

Das bestätigt die Umfrage "Lernen trotz Corona - Anschluss verpasst!?" des Kreiselternbeirats Groß-Gerau, auf die der Vorsitzende des Stadtelternbeirats verweist. Der Elternbeirat hatte bis Ende März 4881 Antworten von Schülern, Eltern und Lehrern erhalten und in den vergangenen Tagen ausgewertet. Die Beteiligung der Eltern liegt mit 3709 Rückmeldungen am höchsten. Rund 2600 Eltern von Schülern, die an Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien unterrichtet werden, geben an, dass ihre Kinder Lernlücken aufweisen, anders als vor der Corona-Pandemie. Ihre Kinder bräuchten zu Hause mehr Unterstützung, geben mehr als die Hälfte der Eltern an. Ein Teil der Lehrerschaft habe außerdem bemerkt, dass die Lernmotivation ihrer Schüler mit Einführung des Homeschooling gesunken ist. Die persönliche Begegnung und gegenseitige Motivation in der Schule sei nicht zu unterschätzen, betont Lobenstein. Der Schulelternbeirat der Stadt beschäftige sich deshalb intensiv mit der Frage, wie Lehrer ihre Schüler noch besser digital begleiten können, damit niemand den Anschluss verliert.

Wichtige Erfahrungen fehlen

Noch mehr als die erschwerten Unterrichtsbedingungen wiege der Verlust sozialer Kontakte. "Die Oberstufenschüler gewinnen normalerweise im letzten Schuljahr an emotionaler Reife", sagt Lobenstein. Wichtige Erfahrungen machten die Schüler etwa bei Abschlussfahrten. Die Mottowoche der Abiturienten stärke ebenfalls das Zusammengehörigkeitsgefühl. Beides ist 2021 nicht möglich.

Auch wenn die hessischen Oberstufenschüler ihre Prüfungen schreiben, eines wird immer deutlicher: Wenn schon kein "Notabitur", so doch ein "Corona-Jahrgang". dit

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