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Alle Mann an Bord

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Raue Männer, viel Gefühl: Mit Liedern vom Meer, von Fernweh und Heimweh, von Landschaften und Abenteuern zwischen Wasser und Land begeisterten beim Konzert in der Stadthalle der Rüsselsheimer Shanty-Chor sowie ein Shanty-Chor aus Papenburg.

Von Charlotte Martin

Kein freier Platz war am Samstagabend in der Stadthalle auszumachen, als der Shanty-Chor der Opelstadt in blauweiß gestreiften Finkenwerder Fischerhemden Einzug hielt. „Alle Mann an Bord“, hieß es beim Sommerkonzert des Chors, der zudem einen befreundeten Shanty-Chor aus Papenburg im Emsland eingeladen hatte.

Die 28 Männer des Rüsselsheimer Shanty-Chors, die der raue Charme der Seeleute und seelenvolle Stimmen auszeichnet, wurden mit tosendem Applaus begrüßt. 1993 haben sich die einst passionierten Segler aus der Rhein-Main-Region, angeregt durch den heutigen Ehrenvorsitzenden Reimar Heidmüller, zum Shanty-Chor formiert. Seitdem bilden sie als „Binnenländer“ eine Ausnahme unter den Shanty-Chören der Küstenregionen.

Von Fernweh und von Heimweh

Sie halten das Repertoire alter Seemannslieder auf Bühnen der Republik – ob Kiel, Flensburg, Bremerhaven oder Rostock – lebendig. Mit Liedern in deutscher, englischer und französischer Sprache sowie im „Plattdütschen“ steht der Rüsselsheimer Shanty-Chor den Nordlichtern keinesfalls nach, singt voller Emotion vom Meer, von Fernweh und Heimweh, von Liebesabschied und Treue zum Schiff, vom Alltag der Matrosen, von Sturm und Gefahr.

„Unsere Konzerte sind enorm beliebt, wir haben viele Fans, und die größten unter ihnen sind unsere Frauen“, sagte Sänger Heiko Cordes abseits der Bühne.

Cordes ist einer der zehn „Shanty-Men“, die solistischen Vorsänger des Chors, der von drei Akkordeonspielern sowie einer Gitarristin begleitet wird. Der Vorsitzende des Chors, Willi Kaspar, führte charmant durchs Programm, moderierte die Seemannslieder, die von der Reeperbahn, von der Melancholie irischer Landstriche, von gefahrvoller Fahrt auf dem Windjammer oder vom Whiskeygenuss in der Hafenpinte erzählen, mit historischer Erläuterung.

Im Publikum wurde mitgesungen, wurde rhythmisch geklatscht. Großformatige Fotoeinblendungen als Kulisse unterstrichen eindrucksvoll die Themen der Lieder, gesponnen aus zähem Seemannsgarn. „Natürlich sind die meisten von uns auch Ost- und Nordseeurlauber“, verriet eine Sängersgattin, die sich zum sehnsuchtsvollen Song „Mull of Kintyre“ (Solist: Enno Oppertshäuser) ein irisches Bier schmecken ließ.

Die Kleinste ist die Größte

Die größte Frau im Saal aber war die Kleinste, die dem Chor auf einem von den Sängern gezimmerten Podest vorstand: Seit 2008 ist Sonja Guthmann „Steuerfrau“ des Shanty-Chors, gilt als „Seeschatz“ der Mannen. „Wie groß ich bin? Nach Maßen 1,57 Meter. Doch für meinen Chor – glaube ich – bin ich die Größte“, sagte sie im Pausengespräch lachend.

Dies bestätigten die Herren ausnahmslos: „Seit Sonja 2008 den Dirigentenstab übernahm, hat die Begeisterung für unseren traditionell verankerten, fröhlichen Gesang mit Auftritten bundesweit sowie mehreren CDs noch zugenommen“, so Heiko Cordes. Die Männer – allesamt im munteren Alter zwischen 60 und 80 plus – gestanden charmant: „Mit zarter Hand hat Sonja uns fest im Griff.“

Herzlichen Applaus erhielt freilich am sangesfreudigen Abend auch der Shanty-Chor aus Papenburg, der mit seinem Auftritt am Main das Versprechen eines Gegenbesuchs wahrmachte. Die Rüsselsheimer nämlich hatten 2012 an der Ems gastiert, nun zeigte Akkordeonist und Chorleiter Hans-Hermann Hunfeld mit seinen blauweiß ausstaffierten Nordlichtern auf der Saalbühne, was die Männer draufhaben. Da waren neben traditionsreichen Songs auch selbst komponierte Lieder des Dirigenten zu hören, da ging es anekdotisch zu – Helden der Schiffskajüten sowie Träumer auf Land, die, selbstvergessen die Pfeife schmauchend, übers Meer blicken, wurden besungen. Eine Prise romantischer als der Rüsselsheimer Shanty-Chor, harmonisierten die Chöre dann im Konzertfinale prachtvoll. Nach sonorem Lobgesang auf die See holten die Männer die Segel ein: „Rolling Home“ hieß es für die Chöre und ihr hellauf begeistertes Publikum.

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