SPD-Fraktionsvorsitzender Murat Karakaya möchte eine Vision für Rüsselsheim entwickeln. FOTO: Dorothea Ittmann
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SPD-Fraktionsvorsitzender Murat Karakaya möchte eine Vision für Rüsselsheim entwickeln.

Interview

"Alles ist auf Neustart gestellt"

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Murat Karakaya hat vor drei Wochen den Fraktionsvorsitz im SPD-Ortsverband übernommen. Dem Wechsel waren interne Spannungen vorangegangen. Nun sieht sich die SPD wieder gut aufgestellt. Redakteurin Dorothea Ittmann hat mit dem Fraktionsvorsitzenden über dessen politischen Werdegang und seine Vision für Rüsselsheim gesprochen.

Herr Karakaya, kurz vor der parlamentarischen Sommerpause hat die SPD ihre Fraktionsspitze neu gewählt, nachdem Frank Tollkühn und Sanaa Boukayeo ihre Ämter niedergelegt haben. Ist der vielbeschworene Neuanfang geglückt?

Wir müssen uns als neue Fraktion erst einmal finden. Dafür nutzen wird die Sommerpause. Die Stimmung ist super. Bei der Wahl habe ich ein einstimmiges Ergebnis erhalten, Olaf Kleinböhl ist als stellvertretender Fraktionsvorsitzender ebenfalls einstimmig gewählt worden. Da ist alles auf Neustart gestellt. Man hat ein gutes Gefühl. Jetzt geht es darum, den Schwung zu nutzen und sich inhaltlich zu positionieren.

Was haben Sie in der Sommerpause erarbeitet?

Jeder kann bei uns seine Ideen einbringen, ob aus der Mitgliederversammlung, dem Ortsvereinsvorstand oder der Fraktion. Gewerbesteuer ist ein Thema, das Image der Stadt verändern ist ein anderes. Die Ideen wollen wir in Anträge gießen. Gerade mit wechselnden Mehrheiten in der Stadtverordnetenversammlung braucht man überzeugende Konzepte. Wichtig ist dabei, dass wir einen guten gemeinsamen Nenner finden und nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, wie es heißt. Das ist der bessere Weg.

Sicherlich bringen Sie eigene Ideen ein. Was sind Ihre persönlichen Schwerpunkte?

Für mich ist das die Stadtentwicklung, vor allem konzeptionell. Ich frage mich: Wohin soll sich diese Stadt in den nächsten zehn, zwanzig Jahren entwickeln? Gemeinsam mit der Partei möchte ich eine Grundstrategie, eine Vision für die Stadt entwickeln und damit das Image verändern. Dafür ist es jetzt an der Zeit. Der Hessentag hat gezeigt: Viele haben wieder Lust auf ihre Stadt. Wir wollen einen solchen Weg aufzeigen. Das andere Thema ist die Gewerbeansiedlung. Mit einer intelligenten Strategie können wir den Haushalt wieder auf solide Füße stellen und haben mehr Gestaltungsmöglichkeit.

Als es um die Ansiedlung des Ikea-Warenlagers ging, hat die SPD dies abgelehnt und sich für kleinteiliges Gewerbe ausgesprochen. Ist das nach wie vor ihr Weg?

Das müssen wir intern noch besprechen. Das Thema gewinnt bald wieder an Aktualität. Grundsätzlich war der SPD-Kurs zu dem Zeitpunkt richtig. Ich komme aus der Logistik und weiß, dass das, was Ikea machen wollte, der Stadt keinen finanziellen Mehrwert verschafft hätte. Wir sollten eine Art Infrastrukturabgabe einführen, denn Flächen sind limitiert und wertvoll. Und damit wir wissen, welcher Preis für die Fläche angemessen ist, müssen wir erst einmal die Quadratmeter bepreisen.

Außerdem sollten wir die Eselswiese stärker voranbringen. Ich war sechs Jahre lang für Rüsselsheim in der Regionalversammlung Hessen-Süd. Dort ist der regionale Flächennutzungsplan ein wichtiges Thema. Wir sollten auf dieser Grundlage prüfen, ob Rüsselsheim noch Möglichkeiten hat, weitere Flächen für Wohnbebauung zu erschließen.

Woher kommt das Interesse an den kommunalpolitischen Themen?

Das kam erst später. Ich war komplett unpolitisch. Es ist eine lustige Geschichte. Ich bin über einen CDUler in die Politik gekommen und zwar über meinen Powi-Lehrer in der Oberstufe. Ich hatte mich zu der Zeit nur auf die Schule und den Nebenjob konzentriert. Meine Note war schlecht, deshalb habe ich meinen Lehrer gefragt, wie ich mich verbessern kann. Er sagte: Du bereitest eine Präsentation zum Thema Studiengebühren vor. Das war damals ein heißes Thema. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass die CDU Gebühren befürwortet. Das fand ich so ungerecht. Die Haltung der SPD lag mir näher.

Das haben Sie Ihrem Lehrer gesagt?

Ich habe natürlich das Thema sachlich aufgearbeitet, aber auch gesagt, dass ich davon überzeugt bin, dass Studienberühren ungerecht sind. Mein Lehrer hat meine Offenheit goutiert. Wenn die Politik so etwas Wichtiges für die Leute entscheidet, was entscheiden die denn noch über unsere Köpfe hinweg?, habe ich mich gefragt. Von da an habe ich mich informiert, Tagesschau geguckt, Zeitung gelesen, HR-Info gehört. Mittlerweile habe ich für viele Themen meine eigene Position gefunden und mich inhaltlich bei der SPD eingeordnet.

Wie sind Sie zu den Sozialdemokraten gekommen?

Ein Bekannter war bei den Jusos in Rüsselsheim. Ich habe ihn gefragt, ob ich mitmachen kann. Und so bin ich 2005 der SPD beigetreten. Der Ortsverein hat fünf Jahre später Kandidaten für die Kommunalwahl gesucht. Ein paar von uns waren interessiert. 2010 habe ich mich also in kommunalpolitische Themen eingearbeitet.

Was hat sie überzeugt zu kandidieren?

Ich wollte meine Heimatstadt verbessern. Damals war ich noch Student und hatte freie Kapazitäten. Man sagt zwar, es ist ein Ehrenamt, aber es ist ein sehr zeitintensives Ehrenamt. Fast wie ein zweiter Job. Mir war nicht ganz bewusst, wie viel Arbeit das ist.

Sie haben den Sprung ins Parlament geschafft.

Ja, es hat geklappt. Ich war zwar parteiintern nicht so bekannt, weil ich mich nur bei den Jusos getummelt habe, konnte mich aber schnell reinfinden. Von da an habe ich mich stetig weiterentwickelt und bin in die Kommunalpolitik reingewachsen. Heute bin ich effizienter, zielgerichteter.

Wie ging es weiter?

Zur Mitte der Periode wurde ich stellvertretender Fraktionsvorsitzender, und bei der Wahl 2016 bin ich wieder ins Parlament gewählt worden. Nach einem halben Jahr bin ich aber ausgeschieden, weil sich bei mir familiär und beruflich vieles verändert hat. Ich bin seit sechs Jahren mit einem Logistikstartup selbstständig. Das ist volles Risiko. Ich bin dennoch sehr ungern ausgeschieden. Das war im Herbst 2016.

2021 haben Sie einen neuen Anlauf gewagt.

Ich habe mich wieder als Kandidat aufstellen lassen. Ich bin dankbar, dass so viele Wähler drei Kreuze bei mir gemacht haben. Jetzt bin ich wieder dabei.

Wie ist es, nach fast sechs Jahren wieder in der Stadtverordnetenversammlung zu sitzen?

Es ist kein ungewohntes Gefühl, aber frisch. Jede Wahl ist ein Neustart. Stadtverordneter ist man nur auf Zeit.

Wie werden Sie das Amt des SPD-Fraktionsvorsitzender führen?

Als Fraktionsvorsitzender arbeitet man nicht nur inhaltlich, sondern hat auch organisatorische Aufgaben. Aber ich bin nicht alleine und weiß, wie ich Aufgaben delegieren kann. Ich stelle mir das so vor: Jeder hat seinen Themenschwerpunkt - Sport, Bildung, Kultur oder Klima. Wenn ich Fragen habe, wende ich mich an den Fachmann oder die Fachfrau. Dieses System möchte ich ausprobieren. Zudem haben wir viele erfahrene Leute - Renate Meixner-Römer, Jens Grode und Olaf Kleinböhl. Die Neuen sind auch sehr konstruktiv. Darin sehe ich übrigens eine meiner Aufgaben: Ich möchte den neuen Mitgliedern die Chance geben, ihr Potenzial zu entwickeln.

Teamwork scheint Ihnen wichtig zu sein.

Das passende englische Wort in der Startup-Welt lautet "pivoting". Es bedeutet, man passt sich an, bleibt flexibel. Ich suche Wege, bis ich mein Ziel erreicht habe. Die Politik ist da sehr ähnlich. Der Dreiklang ist auch hier Durchhaltevermögen, Netzwerken, Teamwork.

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