Altbürgermeister Herbert Haas (SPD) erinnert sich an seine Direktwahl.
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Altbürgermeister Herbert Haas (SPD) erinnert sich an seine Direktwahl.

Bürgermeisterwahl in Raunheim

Altbürgermeister Herbert Haas: "Demokratie braucht Alternativen"

Am Sonntag, 5. November, wird in Raunheim der Bürgermeister gewählt – und zwar direkt von den Bürgern. Das war nicht immer so. Altbürgermeister Herbert Haas (SPD) war in der Stadt am Main der erste direkt gewählte Rathauschef.

„Herbert Haas gewinnt souverän seine erste Direktwahl – 74,8 Prozent der Stimmen für den Amtsinhaber – Wahlbeteiligung mit 63,4 Prozent ungewöhnlich hoch“, titelt das Rüsselsheimer Echo am 27. September 1993. Es war nicht nur Haas’ erste Direktwahl, sondern die erste Direktwahl eines Raunheimer Bürgermeisters überhaupt.

Die Bürgermeister in Hessen werden seit 1992 direkt gewählt, eingeführt hatte sie die Landesregierung unter Walter Wallmann (CDU). Der aufgeräumte Altbürgermeister Haas erinnert sich in einem Gespräch mit dieser Zeitung noch sehr gut daran. Der 71-Jährige bringt eine Broschüre aus seinem damaligen Wahlkampf mit zu dem Treffen. Haas lächelt charmant vom Titelblatt, leichte graue Ansätze im Vollbart, ein kariertes Jackett auf einem blauen Hemd mit einer gemusterten Krawatte. „Ideen und Tatkraft für die Menschen in Raunheim“ steht darauf.

Der Sozialdemokrat war bereits fünfeinhalb Jahre Bürgermeister. In seine erste Amtszeit hatte ihn noch das Parlament gewählt – eine Mehrheit aus SPD und Wählerinitiative Raunheim.

Für seine zweite Amtszeit musste er sich, im Gegensatz zum heutigen Amtsinhaber Thomas Jühe (SPD), mit einem Gegenkandidaten auseinandersetzen. Jühes Name ist nunmehr bei der dritten Wahl in Folge der einzige auf dem Wahlzettel. Heike Mittelstedt war Haas’ Kontrahentin. Die Gernsheimerin ging für die CDU ins Rennen um die Leitung der Stadtverwaltung.

Zuvor war im März noch Kommunalwahl, bei der die SPD von 51 auf 38 Prozent absackte. „Sie verlor mit Pauken und Trompeten “, stellt Haas ohne Umschweife fest und kann heute dabei schmunzeln. Grund war der Ankauf der Grundstücke durch die Stadt für das heutige Wohngebiet an der Lache. Die Eigentümer mussten beträchtliche Einbußen hinnehmen, manch einer sprach von Enteignung. Haas wollte die städtebauliche Maßnahme nicht zurücknehmen, im Wahlkampf sei sie dann seltsamerweise kaum ein Thema gewesen, erzählt er.

Im Jahr 1993 habe er sich sehr auf die anstehende Direktwahl und den damit verbundenen Wahlkampf gefreut. Er begrüßte die Einführung der Direktwahl, wenn mitunter auch aus egoistischen Gründen. „Der direkt gewählte Bürgermeister hat ein größeres Maß an Unabhängigkeit“, er sei nicht von der Fraktion und der Partei abhängig, meint Haas. Ohne die Direktwahl hätte er wohl bei den neuen Mehrheitsverhältnissen kaum auf eine zweite Amtszeit hoffen können, blickt er zurück.

Ein Bürgermeister müsse überparteilich Politik betreiben, müsse für alle Bürger da sein. Auch deshalb sei die Direktwahl das richtige Instrument. Der Bürger habe einen stärkeren Bezug zu einem direkt gewählten als zu einem vom Parlament gewählten Bürgermeister.

Die Direktwahl ist eine Persönlichkeitswahl, erkannte Haas damals. Deshalb bestritt er auch weitgehend ohne die Unterstützung der SPD seinen Wahlkampf. „Ich musste auch in den anderen Lagern fischen“, erzählt er. Bei 70 Veranstaltungen warb er für sich, darunter befanden sich auch kleinere Zusammentreffen. Haas besuchte Vereine und Senioren, klingelte an den Haustüren im Ringstraßengebiet, wo damals einige Wähler der Republikaner wohnten.

Er spricht von einem fairen Wahlkampf, den er sich mit Mittelstedt geliefert hatte. Dass Jühe nun zum wiederholten Mal nicht mit einem Gegenkandidaten um die Gunst des Wählers kämpfen muss, findet er traurig. Ist die Wahl dann noch demokratisch?, fragt er sich. „Keine Alternative ist keine Demokratie“, konstatiert er. Niemand hinterfrage die Politik des Amtsinhabers. Die Opposition zeige eine gewisse Schwäche.

Er glaubt Jühe gerne, dass er sich einen Gegenkandidaten wünsche. Andererseits stellt er aber auch die Legitimität eines Bürgermeisters in Frage, der mit einer wahrscheinlich geringen Wahlbeteiligung ohne Gegenkandidat gewählt wird. „Das ist Schade für die Direktwahl und die Demokratie“, betont Haas.

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