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Andzelika Bugaj, gebürtige Polin mit deutscher Staatsbürgerschaft, steht vor ihrem Abschluss als Altenpflegerin. Geübt wird auch an Puppen, etwa das Umbetten hilfsbedürftiger Menschen.

Soziales

Altenpflege braucht Erfahrung: Martina Ruh warnt vor mangelndem Fachwissen

Von einer Pflegereform, wie sie die große Koalition in Berlin anstrebt, ist Andzelika Bugaj nicht mehr betroffen. Sie gehört zu den ersten, die nach drei Jahren Unterricht in der Nauheimer Pflegeakademie Ruh ihren Abschluss als Altenpflegerin anstrebt.

Arbeitgeber, Lehrkräfte und Ausbilder aus dem Umland blicken geplanten Änderungen in der Pflegeausbildung eher skeptisch entgegen. Sie betonen, dass es im Umgang mit alten und kranken Menschen nicht nur um gute Fachkenntnisse gehe.

CDU und SPD streben eine neue Pflegereform an. Die bisherigen Ausbildungsberufe Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger sollen in einem Pflegeberuf münden. In Pflegeschulen solle die Berufsausbildung mit einer zweijährigen generalisierten Pflegeausbildung beginnen, danach könnten die Auszubildenden wählen, welchen Bereich sie vertiefen wollen.

Die 21 Jahre alte Andzelika Bugaj kann sich entspannen, auch wenn sie für den Ausbildungsabschluss noch viel pauken muss. Die Pflegereform, die frühestens 2018, eher aber Anfang 2019 in Kraft treten soll, wird sie nicht mehr berühren, allenfalls als Beschäftigte im Treburer Seniorenheim von Michael Adrian, der auch in Nauheim und Bischofsheim zwei Pflegeeinrichtungen betreibt. Seine Zusage für die Weiterbeschäftigung hat sie in der Tasche.

Bugaj besuchte während ihrer Lehrzeit die im Nauheimer Atrium ansässige Pflegeakademie von Martina Ruh. „Abschluss ist am 30. September“, sagt Bugaj, die vor drei Jahren den Unterricht samt gesetzlich vorgeschriebener Praxisanleitung aufnahm. Von 17 Schülern, die damals begannen, stehen nun 16 vor dem Finale. Darüber hinaus gibt es in ihrer Akademie drei Klassenstränge für die einjährige Ausbildung als Altenpflegehelfer mit jeweils 26 Schülern, erklärt Ruh. Sie kooperiert mit rund zwei Dutzend Einrichtungen, die ihre Schüler zu ihr in den Unterricht schicken. Begonnen hatte sie mit drei Kooperationspartnern.

Die Einrichtungsleiterin erwartet klare Auskünfte zur generalisierten Ausbildung, was Ländersache sei. Noch liege nichts vor. Außerdem sei eine Übergangsregelung von zehn Jahren im Gespräch. „Wir können also erst einmal so weitermachen“, sagt Ruh. Es heißt auch, die generalisierte Ausbildung beseitige Ungerechtigkeiten. Die Betroffenen bestreiten angebliche Unterschiede und Nachteile, die es nicht mal im Lohn gebe. Auch Auszubildende im Altenpflegebereich müssten in der Akutmedizin kenntnisreich sein. „Das wird durch die Praxisausbildung abgedeckt“, unterstreicht Heiko Böttcher, Leiter des Bischofsheimer Seniorenparks.

Vielmehr sei es für Krankenpfleger nicht einfach, sich in die Erfordernisse der Altenpflege einzufinden. Es sei etwas anderes, einem dementen Menschen beizustehen, als einen gebrochenen Arm einzugipsen. Bugaj ist zufrieden mit ihrer Wahl: „Ich steh’ jetzt am Ende der Ausbildung nicht da und habe keine Ahnung.“ Sie hat „enorm viel gelernt“ und weiß, dass ein angehender Altenpfleger „nichts geschenkt bekommt“.

Vorteile einer generalisierten Ausbildung? Das sei „Wunschdenken und Illusion“, sagt Adrian. Heutzutage sei es wichtiger, wenn sich Menschen spezialisierten. Das sei „in vielen Berufen üblich und ein Trend der Gesellschaft“. Skepsis auch wegen der Kosten: Zunächst solle ein Altenheimbetreiber zwei Jahre in einen Auszubildenden investieren, und dann wechsele dieser in den Bereich Kranken- oder Kinderkrankenpflege? Das könne es nicht ein, sagt Martina Ruh.

Schon jetzt werde der

Arbeitsmarkt abgegrast

nach gutem Nachwuchs, bestätigt Adrian. „Die Leute können es sich aussuchen, wo sie anschließend arbeiten“. Entsprechend ausgeprägt sei das Selbstbewusstsein der Bewerber. „Die Leute kommen zu uns mit klaren Vorstellungen“ – auch wegen ihres Gehalts, berichtet Marcus Schima, Leiter des Nauheimer Seniorenhauses.

Es gibt andere Aspekte, die in ihrem Beruf eine Rolle spielten, ergänzt Andzelika Bugaj. Sie spricht vom rechten Maß für Distanz und Nähe zu pflegebedürftigen Menschen. Es gehe um den menschlichen Charakter, auf den schon beim Bewerbungsgespräch geachtet werde. „Es kommt auf Eigenschaften an, die selbst die beste Schule nicht lehren kann“, betont Michael Adrian. Da helfe auch eine Generalistik nicht.

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