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Zwei Hauptspielorte der Kultur in Rüsselsheim: Das Theater und die Stadtbücherei am Treff.

Kultur 123

Angestellte von städtischem Eigenbetrieb fordern mehr Stellen und bessere Bedingungen

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Mehr Stellen, bessere Arbeitsbedingungen: Die Mitarbeiter von Kultur 123 fordern von der Politik mehr greifbare Wertschätzung.

Geringgeschätzt“ – „prekär“ – „ausgebeutet“: Der Tenor der Personalvertreter von Kultur123 ist eindeutig, als sie beim Pressetermin von den Arbeitsbedingungen beim städtischen Eigenbetrieb erzählen. Für das Stadttheater sitzen Jürgen König und Walter Haberzettl am Tisch, von der VHS ist Aysel Karaman vertreten, Makbule Atak und Gabi Neumann sprechen für die Bücherei und Uwe Schmidt für die Musikschule. Sie alle haben Forderungen für den Stellenplan 2019, der heute in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden soll.

Michaela Stasche, Sprecherin der Verdi-Vertrauensleute, kann das nachvollziehen. Der Stelleplan 2019 sehe keine einzige neue Stelle für Kultur123 vor. „Der Eigenbetrieb scheint hier die Stieftochter zu sein“, bemängelt sie.

Personalmangel spürbar

Der Personalmangel, das bestätigen alle Anwesenden, sei spürbar. „Das Theater lebt vom Personal, und wir haben keine gewöhnlichen Arbeitszeiten“, erzählt Jürgen König. Dienstschluss um oder nach Mitternacht sei keine Seltenheit. Mindestens eine neue Techniker- und eine Verwaltungsstelle werden hier gefordert.

Bei Walter Haberzettl sieht es ähnlich aus: Außenveranstaltungen betreut er mit einem Kollegen – bis zu 180 im Jahr. Dazu zählen unter anderem der Weihnachtsmarkt, die Kerb oder das Klassikertreffen, wo mit der technischen Ausstattung für die komplette Infrastruktur gesorgt wird. Mindestens eine zusätzliche Stelle sei nötig, um das Pensum zu stemmen. „Ich schiebe 300 bis 400 Überstunden im Jahr vor mir her“, sagt er.

Wie damit umzugehen ist, sei intern nicht geregelt, aber laut Tarifvertrag sei „Freizeit vorzuziehen“. Dass eine Ausbezahlung allein schon unter Gesundheitsaspekten damit nicht gleichzusetzen sei, wissen alle am Tisch. Umzusetzen seien freie Tage aber schwer: Es fehle an einer qualifizierten Vertretung.

Bei der Volkshochschule ist die Situation ähnlich. „Wir betreuen über 5000 Teilnehmer im Jahr“, sagt Aysel Karaman. Von 225 Honorar-Dozenten bei der VHS seien 42 schon mehr als zehn Jahre dort – „ohne Festanstellung“, bemängelt Karaman. Sie fordert mindestens eine zusätzliche Verwaltungsstelle und Entfristungen im sozialpädagogischen Bereich. „Die Kollegen können nicht mehr“, sagt sie.

Zu wenig Geld

In der Bücherei geht es ebenfalls um eine zusätzliche Fachkraftstelle, aber auch darum, dass die bestehenden Assistenzkräfte in die höhere Entgeltgruppe 6 aufrücken sollen. „Wir sind am Limit“, unterstreicht Gabi Neumann. Die derzeitige Entgeltgruppe 5 sei das absolute Minimum für Fachkräfte. „Eine Geringschätzung des Arbeitgebers, die ihresgleichen sucht“, sagt Michaela Stasche verärgert. Für die Musikschule spricht sich Uwe Schmidt für die Aufhebung des Stadtverordnetenbeschlusses zum Abbau fester Anstellungsverhältnisse dort aus. „Wir sind noch 20 Festangestellte, den Rest fangen unsere Honorarkräfte auf“, sagt er.

Die Fluktuation sei mangels Aussicht auf Festanstellung groß, darunter litten dann wiederum die Schüler. „Wir sind eine Investition für die Stadt“, sagt Schmidt nachdrücklich. Stattdessen fühle man sich aber ausgesprochen unwillkommen. „Wir haben Angst, dass das, was wir aufgebaut haben, wegbricht“, so Schmidt.

Eckhard Kunze, Kultur123- Leiter, sieht das indes anders. „Im Betrieb wurde viel getan, um die Arbeitsplätze sicherer und erträglicher zu gestalten.“ In den vergangenen vier Jahren seien für 27 Personen Entfristungen vorgenommen und gleichzeitig die Zahl der Azubis von drei auf sechs erhöht worden.

„Vor zwei Jahren wurde eine Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastung bei jedem Arbeitsplatz durchgeführt“, so Kunze. Die Ergebnisse stehen noch aus. Vor dem Hintergrund der knappen Ressourcen müsse man auch seine Position verstehen.

Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) zeigt sich erstaunt: „In dieser Schärfe höre ich das zum ersten Mal.“ Sein Angebot sei, konkrete Forderungen gerne zu besprechen, zu prüfen und in der nächsten Haushaltsberatung darüber zu diskutieren.

Im September wurden die Forderungen der Betriebsleitung als Stellungnahme vorgelegt, auch die Fraktionen wurden informiert. Reagiert habe lediglich die Linke / Liste Solidarität. Hilferufe wie diese würden oft von der Politik weggelächelt, sagt Jürgen König. „Das macht etwas mit einem“, schließt er nachdenklich.

Kommentar von Stella Lorenz:

Eine vielfältige Stadt mit einer Breite an attraktiven Kulturangeboten – wer wünscht sich das nicht? Rüsselsheim hat diese Vielfalt bereits. Was es aber wirklich bedeutet, Kultur zu schaffen, das wissen viele nicht. Wer sich für einen Beruf in dem Bereich entscheidet, begeistert sich für die Künste, für Theater, für Literatur, für Sprache, für Musik – motiviert davon, einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen. Dafür werden auch ungewöhnliche Arbeitszeiten in Kauf genommen. Wenn aber wegen Personalmangels die ältere Generation ausbrennt und die jüngere verheizt wird, bleibt nicht viel von dieser Begeisterung übrig. Dass Wertschätzung sich eben nicht nur finanziell, sondern in humanen Arbeitsbedingungen widerspiegeln sollte, liegt auf der Hand.

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