Bekannte Melodien umspielen in ?Wiener Blut? turbulente Liebesverwirrungen.
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Bekannte Melodien umspielen in ?Wiener Blut? turbulente Liebesverwirrungen.

Wiener Blut

Mit angezogener Handbremse

Die Operette „Wiener Blut“, von mehreren Autoren nach Musik von Johann Strauß zusammengebastelt, läutete am Silvesterabend im ausverkauften Rüsselsheimer Stadttheater den Jahreswechsel ein. Für eine Belebung dieses unorganischen Stückes konnte die Aufführung des Orchesters „Johann Strauß Operette Wien“ nicht sorgen.

Von ALBRECHT SCHMIDT

Neben der „Fledermaus“ und dem „Zigeunerbaron“ zählt „Wiener Blut“ zu den bekanntesten Operetten des Walzerkönigs, obwohl es sich hierbei um eine merkwürdige Produktion handelt: „Wiener Blut“ ist kein organisch gewachsenes, homogenes Werk, sondern lediglich eine Zusammenstellung Strauß’scher Tänze (am bekanntesten jener Walzer „Wiener Blut“ als Hauptschlager), die mit Texten versehen wurden. Dadurch entsteht zwangsläufig eine Diskrepanz zwischen anspruchslosen Textworten und wertvollen musikalischen Einfällen; musikalische Personencharakteristik kann nicht stattfinden, die auftretenden Gestalten sind schemenhafte, für die Operette zugeschnitzte Puppen.

Überdreht und aberwitzig

Auch die typische Schablonenhandlung vor dem Hintergrund des Wiener Kongresses mit ihren völlig überdrehten, aberwitzigen Verwirr- und Verwechslungsspielchen und der Darstellung einer illusionären Lebewelt, über die man heute kaum mehr lächeln kann, schickt diesen Operettenaufguss auf ein Abstellgleis des leichten Genres. Trotz einer hübschen Ausstattung und flotter Balletteinlagen zweier Paare (Walzer, Schnellpolka „Donner und Blitz“, Annenpolka), gelingt es der Wiener Produktion nicht, diesen offensichtlichen Mangel an Werksubstanz auszugleichen: Die alberne, verworrene Handlung um einen Grafen, der auf der Suche nach dem erotischen Kick ziellos zwischen Gemahlin, Geliebter und Eintagseroberung pendelt, dümpelt zäh dahin; vieles von dem Wiener Schmäh-Kauderwelsch, das von der Bühne tönt, ist nicht zu verstehen, und die Staubwedel, mit denen das Personal in den fürstlichen Gemächern hantiert, sind bei dieser Inszenierung (Regie: Charlotte Leitner) bitter nötig.

Immerhin musiziert das klein besetzte Orchester der „Johann Strauß Operette Wien“ (Leitung: Giuseppe Montesano) klangschön, wenn auch durchweg gleichsam mit angezogener Handbremse. Für die amourösen Eskapaden des biederen Möchtegern-Casanovas Graf Balduin Zedlau hält Giorgio Valenta eine brauchbare Tenorstimme bereit, und bei den drei Damen, um die er sich bemüht, überstrahlt Elisabeth Jahrmann (als Tänzerin Franzi) mit ihren funkelnden Spitzentönen ihre Kolleginnen Anja Markwart (Gräfin Gabriele) und Alice Waginger („Probiermamsell“ Pepi). Diese muntere Modistin („Auf Grafen hab ich schon lange eine Schärfe“) gibt mit dem Kammerdiener Josef ein bewegliches Buffopaar ab.

Als Franzis Vater Kagler darf Hannes Prugger zur Vorbereitung der finalen Heurigenstimmung in altbewährter Nestroy-Manier ein aktuell getextetes Zwischenakt-Couplet zum Besten geben. Er verkündet Alle-Welt-Weisheiten und zeigt sich im grandiosen Refrain mit Loriots Jodelschule vertraut: „Holloderi, hollodero, das Leben ist halt so.“ Derweil erklingt, passend zu den Außentemperaturen, der Frühlingsstimmenwalzer, und am Ende werden – schneller als jede Hosenfalte – die Ehekrisen ausgebügelt: Verantwortlich für alle erotischen Grenzstreitigkeiten ist letztlich das berühmte, heftig pulsierende „Wiener Blut“.

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