Sorge um die Kollegen: Bernhard Lammel, Polizeipräsident in Südhessen.

Kriminalstatistik 2018

Gewalt: Angriffe auf Polizisten in Südhessen nehmen zu

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Südhessen gehört zu den sichersten Regionen im Land. Doch auch hier macht die Gewalt vor Beamten im Dienst nicht halt. Der Polizeipräsident plädiert für eine Strafverschärfung.

Rüsselsheim - „Wir halten schon oft die Birne hin“, sagt Südhessens Polizeipräsident Bernhard Lammel, etwas entnervt. Sein Blick trübte sich gestern bei der Vorstellung der Zahlen zur polizeilichen Kriminalitätsstatistik in Südhessen für das abgelaufene Jahr. Denn eigentlich fällt die Bilanz für 2018 ziemlich gut aus.

Die Fallzahlen und die Aufklärungsquote zeigen: Südhessen – dazu zählt selbstredend auch der Kreis Groß-Gerau – ist die sicherste Region in Hessen. Deutlich betont Lammel an diesem Vormittag deshalb die hervorragende Arbeit seiner Kollegen, die ein riesiges Gebiet vom Main bis zum Neckar, in dem rund eine Million Menschen wohnen, zu betreuen haben. Stolz sei er auf seine Leute.

Innenminister Beuth ist für harte Strafen für Gewalt gegen Polizisten.

Doch ausgerechnet jene Leute sind es, die immer öfter auch Angriffen ausgesetzt sind. Die Gewalt gegen Einsatzkräfte ist schon länger als Phänomen bekannt. Doch die Fälle haben zuletzt gravierend zugenommen. Beleidigungen oder verbale Bedrohungen, festhalten oder schubsen, schlagen oder treten oder bewerfen mit Gegenständen – waren es 2017 noch 219 Polizisten, die Opfer solcher Taten in Südhessen wurden, so sind es 300 Beamte im Jahr 2018, ein Anstieg um 37 Prozent. Die Zahlen sind bereits das dritte Jahr steigend. 172 Fälle hat es 2018 gegeben, das ist der höchste Stand seit 2012. Auch Beamte, die im Kreis Groß-Gerau und in Rüsselsheim im Einsatz sind, seien davon nicht ausgenommen, bestätigt die Direktion in Südhessen.

Immer eine Anzeige

Polizeipräsident Lammel zeigt sich darüber besorgt: „Die Beamtinnen und Beamten sind nahezu täglich einer zunehmenden Respektlosigkeit und eines gesteigerten Konfrontationsverhaltens ausgesetzt.“ Und weiter: „Hier ist ein konsequentes Vorgehen gegen die Täter gefordert. Sich bespucken oder beleidigen zu lassen, gehört nicht zur täglichen Arbeit und ist nicht zu tolerieren“, kommentiert Lammel.

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Was den Kollegen im Alltag widerfährt, führt deshalb nicht selten zu einer Anzeige. Der Polizeipräsident begrüßt die Forderung der Landesregierung nach einer Strafverschärfung von drei auf sechs Monate Mindeststrafe, die dann nicht mehr in eine Geldstrafe umgewandelt werden kann, und fordert gleichzeitig die volle Ausschöpfung des Strafrahmens von bis zu fünf Jahren bei einem Angriff auf Einsatzkräfte. Immerhin konnten 165 Tatverdächtige im vergangenen Jahr ermittelt werden, davon waren 146 Männer. Rund 36 Prozent der Tatverdächtigen waren nichtdeutsch. Viele waren zudem bereits polizeibekannt, oft standen sie unter Alkoholeinfluss. Zuwanderer wurden in 49 Fällen auffällig (2017: 34, +44,1 Prozent). Zu den Maßnahmen der Polizei zählt auch der Einsatz von Bodycams, von denen es für ganz Südhessen sechs Stück gibt, eine davon in Rüsselsheim.

Insgesamt wurden in Südhessen im vergangenen Jahr 43 349 Straftaten registriert. Das sind fast 6 Prozent weniger als 2017 (46 058 Fälle). Gleichzeitig konnte die Aufklärungsquote um 1,1 Prozent auf den historischen Höchstwert von 62,8 Prozent gesteigert werden. Insgesamt wurden 20 561 Tatverdächtige ermittelt, wovon 38,2 Prozent (7850 Personen) keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten.

Platz 13 für den Kreis

Südhessen ist damit im landesweiten Vergleich die sicherste Region in Hessen. Im Vergleich der Landkreise ist der Odenwaldkreis der zweitsicherste in Hessen, der Kreis Groß-Gerau belegt Platz 13 von insgesamt 21 Landkreisen im Bundesland. 4053 Straftaten wurden hier pro 100 000 Einwohner innerhalb eines Jahres verübt (2017: 4350).

Der Anteil des Kreises Groß-Gerau an den gesamten Straftaten im Polizeibezirk Südhessen, zu dem auch die Stadt Darmstadt gehört, lag bei etwa einem Viertel. Bei den Wohnungseinbrüchen in Südhessen konnten die Fallzahlen in den vergangenen zwei Jahren um 20 Prozent reduziert werden und die Aufklärungsquote von 18,6 Prozent auf 25,5 Prozent gesteigert werden. Auffällig hoch ist der Anteil von ausländischen Tatverdächtigen mit 47,3 Prozent, der für reisende und organisierte Banden spricht. Beim Tageswohnungseinbruch sind es sogar 60,7 Prozent ausländische Tatverdächtige.

Die aktuelle Polizeistatistik weist auch aus, dass die Kriminalität von Zuwanderern im Jahr 2018 um 200 Fälle auf 1771 Fälle gestiegen ist. Zuwanderer haben somit 12,7 Prozent mehr Straftaten als im Vorjahr begangen, obwohl die Zahl ankommender oder zugewiesener Zuwanderer in Südhessen um 9,16 Prozent zurückgegangen ist.

Sorgen bereitet Polizeipräsident Lammel das subjektive Sicherheitsgefühl eines Teils der Bevölkerung in Südhessen. „Die gefühlte Sicherheit der Bürger steht leider oft in keinem Verhältnis zu den objektiven Zahlen. Immer wieder ist von Angsträumen zu hören.“

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