Filmprojekt

Von Ankunft, Erinnerung und Hoffnung

Jugendliche aus dem Stadtteil Dicker Busch zogen mit der Kamera los, um Menschen anderer Kulturen zu interviewen, die hier leben. In Kooperation von Humboldt-Schule, Stadtmuseum und Medienzentrum Wiesbaden entstanden Porträts.

Auf der Leinwand ist Mehmet Özdemir zu sehen: Der Schneider aus der Türkei erzählt von seiner Ankunft in Deutschland vor vielen Jahren, erzählt von Arbeit in einer Weberei, als Lastenträger und schließlich bei Opel. Seine Augen unter dem ergrauten Haar lachen, wiewohl spürbar ist, dass das Leben mit Ankunft in der Fremde nicht einfach war. „Dann konnte ich meinen Sohn Veli und seine Mutter hierher holen“, berichtet Özdemir von dem emotionalen Moment, der Rüsselsheim zur zweiten Heimat machte.

Der Film, der jetzt im Stadtmuseum präsentiert wurde, setzt sich aus kurzen Interviews mit Männern und Frauen jedweden Alters zusammen, die aus fernen Ländern nach Rüsselsheim kamen oder als Kinder von Auswanderern hier geboren wurden. Das Interview mit Özdemir, das André Arold und ein Mitschüler der Alexander-von-Humboldt-Schule (AHS) führten, steht exemplarisch für diese Einblicke in Leben, die von Ankunft in der Fremde, von Erinnerung und Träumen erzählen.

„Heimat ist dort, wo man sich nichts erklären muss“, merkte Kulturdezernent Dennis Grieser im Grußwort an:

126 Nationalitäten

leben in Rüsselsheim. Gefördert vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum, wo in Archiven zur Generation der ersten Gastarbeiter recherchiert wurde, und mit dem Medienzentrum Wiesbaden haben die 14 bis 16 Jahre alten Schüler der Frage nachgespürt, was Heimat sein könnte. Eine Frage, die viele persönlich umtreibt, sind doch ihre Eltern und Großeltern einst von fern nach Rüsselsheim gekommen. Zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen lebend, suchen die Jugendlichen ihre Identität, wobei die Filminterviews ihnen auch neue Blickwinkel vermittelten.

„Leben in Europa – zu Hause in Rüsselsheim“ ist das Filmprojekt betitelt, das im Stadtmuseum als Zeitdokument seinen Platz finden soll. Renate Pilgenröther, Schulleiterin der AHS, Bärbel Maul vom Stadtmuseum und Harald Kuntze, pädagogischer Projektbegleiter vom Medienzentrum Wiesbaden, sprachen den Schülern Respekt für die Arbeit aus.

Semanur Özdemir und Mourad El-Kassir (beide 14) erzählten von Erfahrungen im Umgang mit dem technischen Equipment: „Wir dachten, es wäre unkomplizierter, einen Film zu drehen. Filme zu schneiden, bei den Aufnahmen auf Hintergrundgeräusche und Lichtverhältnisse zu achten – das war nicht einfach“, sagten sie. Inhaltlich merkten sie an: „Wenn Interviewte über ihre Vergangenheit sprachen, waren sie so richtig drin.“

Vasiliki Oglidaltsi (15) und Ceyda Öctürk (15) hatten Rafail Karchassidis (14) nach seinem Lebenstraum gefragt und lachend erzählte er: „Ich wünsche mir, dass ich Friseurmeister werden kann. Dann möchte ich in Berlin leben. In Berlin ist es lockerer und lebendiger.“ Das Publikum, in dem Lehrer, Schüler und Freunde saßen, lachte, so lebenszugewandt und locker kam dieser Lebenstraum im Film zur Sprache.

Ist Rüsselsheim Heimat für euch? Rafail, Ceyda und Vasiliki beantworteten diese Frage abseits des Films mit „Ja und Nein“. Und erklärten: „Heimat ist, wo meine Freunde sind, wo ich mich wohlfühle, wo ich zu Hause bin.“ Für die drei Jugendlichen beinhaltet dies sowohl Deutschland als auch die Herkunftsländer ihrer Familien – Griechenland und die Türkei. Zweisprachig balancieren sie zwischen den Kulturen. Auf der Filmleinwand gab Fuat Celiker ein gutes Beispiel dafür, dass Ankunft in einem fremden Land gelingen kann. Einst „ein schwieriger Schüler“, ist er heute Lehrer, meisterte den mühsamen Weg der Integration und ermuntert nun Nachfolgegeneration nicht nachzulassen in dem, was ihre Ziele sind: Denn die Fremde kann zur Heimat werden.

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