Notfall

Im Arbeitsalltag beim Deutschen Roten Kreuz darf keine Zeit verloren werden

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Heute vor 155 Jahren wurde das Rote Kreuz gegründet. Wir haben die Rüsselsheimer Kollegen des DRK begleitet.

Um 7.33 Uhr geht der erste Alarm ein. „Ein Hausnotruf“, erklärt Mohamed El Bouzidi. Der Rettungsassistent des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist seit gut einer halben Stunde im Dienst. Er öffnet das Rolltor, Rettungssanitäter Moritz Kuhn fährt einen der vier großen Rettungswagen raus, und dann geht es direkt los – ohne Blaulicht, denn schließlich geht es bei diesem Einsatz um „nichts Lebensbedrohliches“.

Am Einsatzort angekommen finden die Retter eine gestürzte Dame mit Demenz vor, die am Wangenknochen blutet und offenbar an der Schulter verletzt ist. El Bouzidi spricht laut und deutlich, bleibt geduldig und verständnisvoll. „Immer freundlich bleiben – immer!“, lautet seine Faustregel.

Schnell wird deutlich, dass nur eine Untersuchung im Krankenhaus Klarheit über den Zustand der Patientin schaffen kann. Mit geübtem Griff heben die Rettungskräfte die Dame auf die Trage und sind keine zehn Minuten später an der Notfallanfahrt des GPR-Klinikums.

Auch alle anderen Rettungswagen sind gerade dort, es ist viel los an diesem Vormittag. Um 8.56 Uhr geht es zurück zur Wache in der August-Bebel-Straße – El Bouzidis Kollege hatte gerade Nachtschicht, muss eigentlich in den Feierabend. Damit wird es aber nichts, denn kaum hält der Wagen vor der Wache, ertönt der Piepser erneut. Diesmal ist es ein Notfall, auch der Notarzt ist alarmiert.

Mit Blaulicht und Martinshorn geht es durch die Stadt mehrfach muss Moritz Kuhn hupen, weil Autofahrer nicht ausweichen. Am Einsatzort hat ein Patient Atemnot, seit mehreren Jahren ist er bettlägerig.

El Bouzidi prüft den Sauerstoffgehalt im Blut, legt die Sauerstoffmaske an, spricht mit dem Notarzt. Nicht ins Krankenhaus, lautet das Fazit. Der Familie wird die Nummer eines Palliativ-Teams übergeben, sie kämpft mit den Tränen. „Alles Gute“, sagt El Bouzidi, sieht den Angehörigen fest in die Augen.

Seit 17 Jahren ist der 39-Jährige im Dienst, er kann mit vielem umgehen. „Aber manche Bilder vergisst man nicht“, sagt er nachdenklich. Besonders schlimm sei es, wenn man Säuglinge reanimieren müsse oder Kinder dabei zusehen müssen, wie die Eltern um ihr Leben kämpfen. „Aber wenn du jemandem begegnest, den du mal gerettet hast – das ist unbezahlbar“, sagt er und lächelt.

Um 9.47 Uhr steigen die DRK-Mitglieder zurück in den Wagen, kurz vor 10 Uhr kann Kuhn endlich Feierabend machen. Für die restliche Schicht steht Mohamed El Bouzidi jetzt die 19-jährige Rettungssanitäterin Isabel Sperfechter zur Seite.

Kurz ist Zeit für einen Kaffee in der Küche, dann meldet sich der Piepser erneut – eine Mutter macht sich Sorgen um die Atemgeräusche und das Fieber ihres Dreijährigen. Eigentlich ein Fall für den Kinderarzt, aber das Kind will sich nicht anfassen lassen. Mit viel Geduld und Routine gelingt es dann doch – statt zum Arzt geht es aber auf El Bouzidis Anweisung hin ins Krankenhaus.

Diesmal sei das notwendig gewesen, aber tendenziell nehme die Praxis, auch wegen einer harmlosen Erkältung die 112 zu wählen, zu.

Zu lange Wartezeiten und kaum noch Hausbesuche der Hausärzte seien mögliche Gründe, mutmaßt der Rettungsassistent. Es ist kurz nach 11 Uhr. Weder Sperfechter noch El Bouzidi haben schon etwas Solides im Magen. Für ein spätes Frühstück wird sich im Supermarkt schnell mit Eiern, Tomaten, Baguette und Frühlingszwiebeln eingedeckt.

„Wenn alles gut geht, schaffen wir es sogar, das noch zu essen“, sagt El Bouzidi und schmunzelt.

Das Team hat Glück und kann sich die Zeit zum gemeinsamen, aber gut koordinierten Kochen und Essen nehmen – schließlich kann jederzeit wieder der Alarm ertönen. „Alles frisch!“, freut sich El Bouzidi.

Er liebt seinen Job – die Verantwortung, die tägliche neue, unbekannte Herausforderung, die Gemeinschaft. „Was man hier lernt, lernt man sonst nirgendwo“, sagt er und lächelt ein wenig.

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