Stadtrat vertritt Bürgermeister

Ein Architekt auf dem Chefsessel

Was tun, wenn der Bürgermeister nach Berlin geht? Die Antwort lautet: Richard Zarges fragen. Der Erste Stadtrat übernimmt die Geschäfte ehrenamtlich – bis tief in die Nacht.

„Ich bin keiner, der in die erste Reihe drängt“, sagt Richard Zarges. Doch stets war er zur Stelle, wenn er gebraucht wurde. So wie jetzt: Nach der Wahl von Bürgermeister Stefan Sauer (CDU) in den Bundestag lastet auf dem ehrenamtlichen Ersten Stadtrat die Verantwortung für das Wohl der Kreisstadt für ein halbes Jahr – mindestens.

Sauber aufgeräumt ist der Schreibtisch im ersten Stock des Rathauses noch immer – so wie ihn der scheidende Bürgermeister vor wenigen Tagen an Zarges übergeben hat. Einige Unterschriftsmappen stapeln sich – die Geschäfte laufen weiter. „Ich habe aber noch nicht ein einziges Mal in die Schubladen geschaut“, bekennt das 66 Jahre alte Kombi-Mitglied. Dazu sei einfach keine Zeit gewesen, so Richard Zarges.

Zeit, das ist ein kostbares Gut, das sich Zarges jetzt exakt einteilen muss. Im Hauptberuf ist er Architekt und Inhaber eines Büros mit Sitz in Dornheim. Dort wartet man derzeit häufiger auf den Chef. „Jeden Tag um 8.30 Uhr sitze ich derzeit im Stadthaus,“ sagt Zarges. Am Nachmittag wäre dann sein Büro an der Reihe – eigentlich. Aber dann hat die Sekretärin Karin Lochmann im Vorzimmer meist noch so viele Termine auf Lager, die abgearbeitet werden müssen. „Es wird spät, bis ich rauskomme.“

Deshalb sitzt er samstags in seinem Architekturbüro und trifft sich abends mit Kunden. Letzte Woche habe er bis in den frühen Morgen um 4.30 Uhr an einem Entwurf getüftelt. „Und dann war der Sonntag auch gelaufen.“ Mit 66 Jahren gehe es eben einfach nicht mehr so flott wie früher.

Große Pläne hat der Kombi-Mann für die bevorstehenden sechs Monate nicht. Sauer habe ihm ein wohl bestelltes Feld hinterlassen. Der Haushaltsentwurf für 2018 steht. „Ich war bei der Zusammenstellung anwesend und weiß, worauf es ankommt – die Beratungen in den Ausschüssen dürften keine Probleme bereiten.“ Das derzeit größte Projekt, die Erschließung des ehemaligen Südzucker-Geländes, laufe auf Hochtouren. Derzeit zeichne sich kein größeres Problem ab. Auch wolle er keine Fakten schaffen, die die neue Frau oder der neue Mann im Chefsessel vorfinden würden.

Obwohl sich Zarges als Mitglied der Kombi längst auf einen Kandidaten festgelegt hat, ist für ihn klar: In den Wahlkampf wird er sich nicht einmischen. „Mich wird man an keinem Wahlstand sehen, sondern ich werde mich neutral verhalten, solange ich auf diesem Stuhl sitze“, ist seine Devise. Und das wird nach Lage der Dinge noch bis 1. April oder gar 1. Mai der Fall sein, gibt sich der 66-Jährige keinen Illusionen hin.

Spätestens nach der Stichwahl am 4. Februar 2018 steht fest, wer als Bürgermeister ein neues Kapitel in der Groß-Gerauer Kommunalpolitik aufschlagen wird, doch die oder der Neue brauche Zeit, bis sie beziehungsweise er im Sattel sitze. Und dabei etwas Hilfestellung zu leisten, sei er gerne bereit.

Hat ihn selbst das Amt des Bürgermeisters nie gereizt? Die Frage entlockt Richard Zarges ein Lächeln: „Ich habe einen der schönsten Berufe, die es gibt: Architekt ist für mich eine Berufung“, sagt er. Dagegen stelle er sich gerne ehrenamtlich zur Verfügung und beginnt, all das aufzuzählen, was er im Ehrenamt für die Jugendabteilung, für den Fußball und die SG Dornheim geleistet habe, wobei er mit besonderem Stolz auf den Bau von Vereinsheim und Kunstrasenplatz verweist.

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