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Endstation Treppenaufgang: Um Rollstuhlfahrern wie Manfred Rienitz den Zugang zu ermöglichen, wird der Bahnhof bald barrierefrei.

Mobilität

Barrierefreiheit: Manfred Rienitz stellt Stadt überwiegend gutes Zeugnis aus

Mit dem Rollstuhl durch Raunheim – kein Problem findet Manfred Rienitz. Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann ist das der Unvernunft und der Rücksichtslosigkeit der Menschen geschuldet.

Ein Helfer hebt Manfred Rienitz in seinem Rollstuhl die Eingangstreppe vor seinem Haus hinunter. Dann rollt Rienitz um das Gebäude herum, in die große Toreinfahrt auf den Hof. Hinter der Einfahrt eröffnet sich ein rund 650 Quadratmeter großer Garten. Über 30 Jahre ackerte Rienitz darin. Seine Frau Cornelia wartet im Hof mit dem Elektrorollstuhl. Einmal kurz abstützen, sie nimmt ihn unter die Arme und lässt ihn in den Stuhl gleiten. Dann kann die Tour mit dem Rollstuhl schon starten.

Der 75-Jährige erkrankte vor sechs Jahren am Guillain-Barré-Syndrom, einer Erkrankung des Nervensystems. Die Krankheit sei durch eine Darminfektion ausgelöst worden, erzählt seine Frau. Eigentlich ist sie heilbar, ihn ereilte aber die schlimmste Form, und er war zudem schon herzkrank. Erst hatte er Lähmungserscheinungen an den Beinen, die dann den gesamten Körper befielen. Ein Jahr dauerte es, bis er sich zumindest im Rollstuhl fortbewegen konnte. Rienitz bevorzugt einen Elektrorollstuhl, weil seine Hände nicht genügend Kraft zum Greifen der Räder aufbringen. Das Fortbewegungsgerät schafft eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde.

Das Haus der Familie befindet sich unweit des Bahnhofs. Die Rampe dort kommt Rienitz leicht hinunter. Ein Vorteil ist, dass die Umlaufsperre oben und unten zur Hälfte demontiert wurde. So kommt er ohne Probleme in die Unterführung. Wenn er auf die Bahnsteige zwei und drei will, müssen schon ein paar kräftige Männer anpacken. Dort gibt es nur den Treppenaufgang. Der Rollstuhl wiegt immerhin 100 Kilo.

Rienitz weiß, dass die behindertengerechte Sanierung des Bahnhofs ansteht. Ein Aufzug soll den Zugang zu den Bahnsteigen erleichtern. Er versteht nur nicht, warum ein Treppenaufgang nicht durch eine einfache Rampe ersetzt wird. Dann spare sich die Bahn die Unterhaltungskosten.

Ein junger Mann schaut ein wenig skeptisch. Ob der Herr im Rollstuhl etwa nach oben möchte, denkt er wohl. Hilfe bietet er nicht an.

Freundlichkeit erfährt Rienitz in der Bahnhofstraße. Als er unter einem Baugerüst hindurch muss, lässt ihn eine Frau geduldig passieren. „Bitte“, sagt die Frau. Auf sein Dankeschön folgt ein freundliches Lächeln.

Das Gegenteil von Freundlichkeit erfährt Rienitz ein paar Meter weiter. Eine Frau läuft vor ihm mit Kopfhörern auf den Ohren, Rienitz kann sie nicht überholen. Selbst seine Hupe hört sie nicht. Dann ist sie plötzlich in einem Hauseingang verschwunden.

Die Bahnhofstraße ist ohnehin für Rienitz das große Übel. Eigentlich hat er für seinen Rollstuhl eine Straßenzulassung. Aber um den Verkehr nicht aufzuhalten, weicht er gerne auf den Bürgersteig aus, was auch erlaubt ist.

Dort parken einige Autofahrer ihr Fahrzeug so unverschämt breit auf dem Trottoir, dass auch Eltern mit ihrem Kinderwagen nicht passieren können. Also weicht er wieder auf die Straße aus. Dafür muss er aber einen geeigneten Abgang finden, sonst nimmt der Akku Schaden, der unter dem Rollstuhl sitzt. „Wenn ich mich auf der Straße fortbewege, schimpfen hin und wieder einige Autofahrer“, erzählt Rienitz. In der Mainzer Straße ist die Situation ähnlich.

Sonst kommt Rienitz eigentlich gut voran. „Die Stadt hat ganze Arbeit geleistet“, lobt er. Die beiden neuen Kreisel am Einkaufszentrum Mainspitze in der Mainzer Straße fallen ihm ein. Die Bürgersteige sind abgeflacht. Ebenso viele andere Straßenübergänge in der Stadt.

Rienitz zeigt auch Verständnis, wenn es für einen Rollstuhlfahrer ein wenig eng wird. Wie beispielsweise am Fußgängerweg im Ringstraßengebiet in Höhe der Kindertagesstätte Sterntaucher in der Oderstraße. Dort sind zwei Absperrungen aufgestellt. „Da fahren doch sonst die Motorroller den Weg lang“, weiß er. Er passt durch und hat deshalb auch keinen Grund zum Ärger. Den Schotterweg entlang der Ringstraße fährt er nicht. Dort könnte er Probleme bekommen. Wenn er zum Einkaufszentrum Mainspitze möchte, benutzt er die Schleichwege durch die Siedlung. Auch im Süden der Stadt hat er keine Probleme, sich fortzubewegen. „In Raunheim kommt man schon gut durch“, betont er.

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