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Zu Besuch bei den Osterlämmern

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Alfred Kunerts Heidschnucken bekommen dieser Tage Lämmchen. Wir haben die schwarzen Fellbündel auf ihrer Wiese besucht.

Noch ein ganz kleines bisschen wackelig auf den Beinen wirken die zwei Neuankömmlinge. Sie sind gut anderthalb Wochen alt, rabenschwarz und unheimlich niedlich: In Alfred Kunerts Heidschnucken-Herde gibt es den ersten Nachwuchs in diesem Jahr. Lange alleine bleiben die Zwillingsschäfchen nicht. Alle erwachsenen Schafe sind nämlich tragend.

„In den nächsten zwei bis drei Wochen sollten dann alle da sein“, sagt Kunert. Der Treburer hält seit über 40 Jahren Heidschnucken auf einer großen Streuobstwiese am Ortsrand von Trebur. Jedes Jahr erlebt er, wie die Herde sich rund um Ostern mehr als verdoppelt. Oft sind es Zwillinge, die geboren werden.

„Das ist ungewöhnlich für Heidschnucken, aber der Schafsbock scheint das Zwillingsgen zu vererben“, weiß Kunert. Als Mitte März über Nacht das Pärchen geboren wird, bangt der ehemalige Opelaner ob der Witterung. „Es war zu kalt und damit unklar, ob die Kleinen überleben.“ Kunerts Heidschnucken gebären im Freien, sie haben keinen Stall. Ein Unterstand bietet Schutz vor Regen und Schnee, darin gibt es Futter. Die Tiere sind zäh – die März-Schäfchen überleben.

Männlein oder Weiblein?

Das Geschlecht der Zwillinge hat Alfred Kunert noch nicht bestimmt. Eins der Lämmer ist deutlich größer als die anderen. Daran könne man aber noch nicht erkennen, ob es ein Männchen oder Weibchen ist, sagt Kunert. „Das sieht man meist oben am Kopf, wenn die Hörnchen durchkommen“, erzählt er. Weil das beim größeren Lämmchen der Fall ist, vermutet er in ihm den großen Bruder.

Abwechselnd versuchen die Geschwister, an die Zitzen der Mutter zu kommen. „Wenn sie trinken, wackelt das Schwänzchen“, sagt Kunert schmunzelnd. „Daher kommt auch die Redensart: Das wackelt wie ein Lämmerschwanz.“

Naturschutzprojekt

Nur einmal im Jahr gibt es Junge. „Die Tiere sind wenig domestiziert. Sie können nur dann brünftig werden, wenn es die Natur will“, meint Kunert. Ab Ende Oktober werden die sieben Weibchen von dem einzigen Bock der Herde gedeckt. Rund um Ostern toben dann fast täglich mehr schwarze Lämmer auf der Wiese herum.

Genug zu Fressen gibt es dieser Tage für die Kleinen freilich. Muttermilch gibt es selbstverständlich auch noch, aber die Zwillinge fangen bereits an, am saftigen Grün zu knabbern. Die Schafe arbeiten den Sommer über ganz nebenbei als mobile Rasenmäher auf der Streuobstwiese. Kunert erweitert das Weidegebiet mit seinem mobilen Elektrozaun nach und nach.

Damit das klappt, unterstützt ihn seine Border-Collie-Hündin Reika. Sie hält die Herde zusammen – das haben auch schon die Kleinen verstanden. „Das ist der Herdentrieb“, merkt der Schäfer an.

Alfred Kunert, der auch im Nabu aktiv ist, hält die Tiere weder zur Fleisch-, noch zur Wollproduktion. „Wenn man so will, ist das mein privates Naturschutzprojekt“, erklärt er. Auf der Streuobstwiese teilen sich die Heidschnucken den Lebensraum mit vielen anderen, teilweise seltenen Arten. „Insgesamt habe ich mit den Tieren wenig Ertrag, aber auch relativ wenig Arbeit.“ Der Ertrag durch Fleischerzeugung, das betont er, ist ihm auch nicht wichtig.

Die Lämmchen, die jetzt geboren werden, werden aber dennoch geschlachtet – erst am Ende des Jahres, sagt Kunert. „2017 hatte ich zehn Lämmer. Das Fleisch der Hälfte habe ich selbst behalten, die andere Hälfte weitergegeben.“ Oft tauscht er das Lammfleisch gegen andere tierische Erzeugnisse. In seinem Bekanntenkreis gibt es Geflügel- und Rinderhalter. Selbstversorgung ist für ihn ein großes Thema.

Einmal täglich besucht er die Tiere, aber eine emotionale Bindung zu den Lämmchen will er nicht aufbauen. „Man darf ihnen niemals Namen geben“, sagt er. Wichtig ist ihm, dass die Schafe ein gutes Leben haben. Schaut man sich auf der Wiese um, versteht man schnell: Diese Bedingung ist erfüllt.

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