Hans Dieter Bechtel hat lange Jahre als Pfarrer gearbeitet. Von der Hypnose war er jedoch schon als Jugendlicher fasziniert. Jetzt versucht er, sie gezielt zum Wohl der Menschen einzusetzen.
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Hans Dieter Bechtel hat lange Jahre als Pfarrer gearbeitet. Von der Hypnose war er jedoch schon als Jugendlicher fasziniert. Jetzt versucht er, sie gezielt zum Wohl der Menschen einzusetzen.

Portrait

Zu Besuch bei dem Pfarrer und Hypnosetherapeuten Hans Dieter Bechtel

Hans Dieter Bechtel hat eine Praxis für Hypnose und Hypnosetherapie. Zudem baut er gerade eine Therapiegruppe für von Suizid betroffene Menschen auf. Warum der pensionierte Pfarrer diese Arbeit „öden“ Kreuzfahrten vorzieht, hat er dieser Zeitung verraten.

Eine warm flackernde Kerze im Regal, ein Zen-Brunnen mit leise plätscherndem Wasser. Daneben ein schwarz glänzender Buddha. Mehrere Stühle und eine Liege mit einer kuscheligen Decke. Dazu noch ein Rednerpult, genau vor dem Fenster. Der Behandlungsraum von Hans Dieter Bechtel verbreitet Wohlfühlathmosphäre. Es ist zudem ein guter Platz, um mit dem pensionierten Pfarrer und Hypnosetherapeuten über sein Leben und seine aktuelle Arbeit zu sprechen.

Hans Dieter Bechtel ist Jahrgang 1943. Da sollte die Frage erlaubt sein, warum er vor sechs Jahren noch einmal die Schulbank gedrückt hat, um eine Ausbildung als Hypnosetherapeut zu machen. Bechtel antwortet zunächst humorvoll: „Weil im Ruhestand auf Kreuzfahrt zu gehen, für mich zu öde ist.“ Dann wird er jedoch ernst: „Ich habe mein Leben lang Interesse daran gehabt, mit Menschen zu arbeiten. Hypnose hat mich schon seit meiner Jugend beschäftigt. Wir haben damals auf dem Gymnasium mit Hypnose experimentiert.“ Das sei in einem kleinen Ort in Rheinhessen gewesen, wo Bechtel in einem frommen, protestantischen Haushalt aufwuchs.

Nach dem Abitur studierte er Theologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Ägyptologie. Eine Weile sei er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni gewesen, habe sich schon damals sehr auf die Theologie fokussiert und auch als Journalist gearbeitet. „Ich war ein paar Jahre lang in Hamburg für den ,Spiegel’ mit theologischen Themen tätig“, erinnert sich Bechtel. Vier Jahre nach dem Studium wurde er Pfarrer und war für Gemeinden in Mainz, Bischofsheim und Taunusstein zuständig.

Hans Dieter Bechtel erzählt ruhig und mit Bedacht. Trotzdem gibt er viel von sich preis. Auch dass er den Glauben und das Konzept der Kirche und deren Umgang mit „Vergebung“ für sich permanent hinterfragt. Strahlend gibt er dann allerdings zu: „Für mich ist Jesus heute einfach ein richtig toller Typ und in der Zwischenzeit auch zu einer Vorbildfigur geworden.“

Dreiundzwanzig Jahre lang bekleidete er das Pfarramt, bis er sich 1998 entschloss, in den Vorruhestand zu gehen. Nicht, um sich auszuruhen, sondern um sich ehrenamtlich als Kommunalpolitiker zu engagieren und als Projektmanager im Kunst- und Kulturbereich ein neues Wirkungsspektrum zu entdecken. Diese Tätigkeiten habe er auch noch während seiner Hypnose-Ausbildung fortgesetzt, sagt er.

Vor zwei Jahren ist Bechtel wieder nach Bischofsheim gekommen und hat in seinem Wohnhaus auch seine Praxisräume eingerichtet. Das Behandlungsspektrum umfasst neben der Trauerbegleitung und der Psychoonkologie auch das Abnehmen, die Raucherentwöhnung oder generell die Therapie von Stress und Burn-Out. Bei der Rauchentwöhnung sei die mehrstufige Therapie zu rund 80 Prozent erfolgreich, sagt Bechtel. Menschen mit ernsthaften psychologischen Erkrankungen, wie Psychosen oder Wahnvorstellungen, behandelt Hans Dieter Bechtel allerdings nicht.

„Soll ich mit Ihnen eine kurze Hypnoseübung machen“, fragt er. Nach kurzem Zögern lässt sich die Mitarbeiterin dieser Zeitung darauf ein. „Falten Sie die Hände wie zum Gebet und strecken Sie die Zeigefinger dabei gespreizt in die Höhe“, bittet Bechtel. Dann fängt er mit seinen Suggestionen an: „Konzentrieren Sie sich auf die Spitzen ihrer Zeigefinger. In Ihnen ist ein Magnet, der immer stärker wird. Die Fingerspitzen nähern sich immer mehr an, bis Sie wie zusammengeklebt verbunden sind.“ Tatsächlich nähern sich die Fingerspitzen an. Trotzdem bleibt die Kontrolle erhalten. Hätte man den Gedanken, dass es Quatsch sei, was der Mann erzählt, würde die Übung nicht funktionieren, das ist spürbar.

Am Ende kehrt Hans Dieter Bechtel die Suggestion wieder um und sagt: „Jetzt löst sich der Magnet und die Finger kehren in ihre Ausgangssituation zurück.“ Der Hypnotiseur gibt zu: „Man muss sich auf die Hypnose einlassen, sonst funktioniert es nicht. Der eigene Wille und die eigenen moralischen Grenzen bleiben immer erhalten.“

Neben der Hypnose arbeitet Hans Dieter Bechtel gerade mit Fachleuten aus der Psychologie und der Psychiatrie an der Gründung einer Therapiegruppe für von Suizid betroffene Menschen. Nach einigen Vorträgen zum Thema, die Bechtel gerade erst in Frankfurt gehalten hat, seien Menschen mit dem Wunsch nach einer Gruppe auf ihn zugekommen, so der Hypnosetherapeut. Noch im Dezember soll ein erstes Treffen stattfinden. Die Frage, wie er von der Hypnose zum Thema Suizid kam, beantwortet der Geistliche und Wissenschaftler mit überraschender Offenheit: „Mein Sohn hat Suizid begangen. Somit kann ich mich in davon betroffene Menschen sehr gut hineinversetzen.“

Er selbst habe mittlerweile gelernt, mit dem selbst gewählten Tod seines Kindes zu leben. Hans Dieter Bechtel gibt jedoch zu: „Es war ein langer, schwerer Weg.“ Jeder Mensch, der mit einem derartigen Schicksal konfrontiert sei, müsse jedoch seinen individuellen Pfad finden. Der Hypnosetherapeut erklärt: „In der Gruppe kann ich anleiten und den Weg der Anderen nachvollziehen. Alle Erlebnisse zu verarbeiten und damit zu leben, das kann ich den Menschen leider nicht abnehmen.“

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