Ist der Name "Einkaufszentrum" noch gerechtfertigt, fragen sich die Anwohner. Im EKZ Dicker Busch I gibt es nur noch ein Pizzahaus, ein Wettbüro und eine Asia-Schnellküche - nichts für den täglichen Bedarf. FOTOs: Dorothea Ittmann
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Ist der Name "Einkaufszentrum" noch gerechtfertigt, fragen sich die Anwohner. Im EKZ Dicker Busch I gibt es nur noch ein Pizzahaus, ein Wettbüro und eine Asia-Schnellküche - nichts für den täglichen Bedarf.

Brennpunkt in der Diskussion

Bewohner im Dicken Busch sagen: "Wir fühlen uns hier nicht mehr wohl"

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Der Müll, das wilde Parken, ein in die Jahre gekommenes Einkaufzentrum: Bürger im Dicken Busch I klagen über die Zustände im Stadtteil

Rüsselsheim -"Quo vadis, Dicker Busch I?", hätte die WsR ihren Ortstermin nennen können - in Anlehnung an die untergegangene antike Kultur des alten Rom. Wer die italienische Hauptstadt bereist hat, erinnert sich sicherlich an die Ruinen des Forum Romanum, des römischen Marktplatzes. Einst Mittelpunkt des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens, heute für das ungeübte Auge ein Haufen Steine.

Ganz so schlimm ist es im Dicken Busch I freilich nicht, doch die Erinnerung an die Blütezeit des Wohnquartiers in den 1960er und 70er Jahren sowie der Ärger über seither verpasste Chancen ist bei den Bewohnern deutlich zu spüren, als sie sich vor dem Einkaufszentrum (EKZ) in der Brandenburger Straße versammeln. Eigentlich möchte WsR-Fraktionsvorsitzender Joachim Walczuch kurz nach einer Begrüßung der Anwesenden "per pedes", zu Fuß, die Brennpunkte im Ort abgehen, doch die Anwohner wollen nicht länger warten, bis sie zu Wort kommen. Zu lange habe man sie vergessen, ist die einhellige Meinung.

Dass die Verdichtung im Dicken Busch I ein zweischneidiges Schwert ist, machte eine Anwohnerin in der Ostpreußenstraße deutlich. Die Gewobau habe zwar in den vergangenen Jahren neue Wohnhäuser hochgezogen, doch die Infrastruktur sei nicht mitgewachsen. "Die Kanäle sind noch aus den 60er Jahren", sagt sie, und könnten die zusätzliche Abwasserlast kaum bewältigen. Sie habe deshalb ein Rückstauventil bei sich einbauen lassen, damit gestautes Kanalwasser nicht in ihre Wohnung eindringt.

Darüber hinaus sei ihr aufgefallen, dass die Einleitungsstellen in die Straßenkanäle so hoch über Straßenniveau gebaut wurden, dass sich Stauwasser bei Starkregen auf den Fahrbahnen sammelt. Ein weiteres Ärgernis: zugeparkte Straßenränder. Parkplätze gebe es genug, die würden aber nicht genutzt. Die Anwohnerin weiß auch genau, weshalb. Die vor den neuen Wohnblocks angelegten Parkplätze würden separat vermietet und die Einfahrten mit einer Schranke versperrt. Wer sich keinen Stellplatz leisten möchte, weiche also auf die Straße vor der Wohnung aus. Die Folge seien leere Parkplätze und zugestellte Rettungswege.

Müllabfuhr vergisst Straßen

Was in der Nachbarschaft ebenfalls nicht funktioniere, sei die Müllabfuhr. "Die kommen nur, wenn ich anrufe - manchmal rufe ich mehrmals am Tag an. Die kleinen Straßen vergessen sie regelmäßig. Man muss sich hier als Eigentümer um ganz viel kümmern", ist die Bewohnerin sichtlich genervt. Die Umstehenden nicken zustimmend. Und das Ordnungsamt komme nur vorbei, um die Höhe des Unkrauts zu kontrollieren und nicht etwa Knöllchen an Falschparker zu verteilen, spöttelt die Nachbarin.

Der Blick richtet sich nun auf das Einkaufszentrum, der eigentliche Fokus des Ortstermins. "Eigentlich liegt hier überall der Dreck rum", wundert sich ein Bewohner über das ungewöhnlich saubere Erscheinungsbild des Platzes vor dem Kebab- und Pizza-Haus.

Nebendran ein Wettbüro sowie eine Asia-Schnellküche. Es stellt sich heraus, just an dem Tag hatten die Mitarbeiter des Städteservice sauber gemacht. Das wirft bei den Anwesenden die Frage auf, ob die Crew extra für den öffentlichkeitswirksamen Termin groß reinegemacht hat.

Was sich jedoch nicht mal schnell aufhübschen lässt, sind die grauen und bröckelnden Fassaden. Die ehemalige Metzgerei stehe seit mehr als 15 Jahren leer, sagt Olga Alexandridou, die im benachbarten Masurenweg wohnt. Die Rollläden sind geschlossen, der Putz blättert großflächig von den Wänden. Herbert Weigel hat sein ganzes Leben im Dicken Busch I verbracht und kann sich noch gut an eine lebendige Nachbarschaft erinnern: "Es gab hier eine Sparkasse, einen Blumenladen, einen Friseur, einen Bäcker." Heute gebe es nur noch "merkwürdige Türkenbars", wirft ein Anwohner ein.

Razzien seien hier keine Seltenheit. Im Juli vergangenen Jahres hatte die Stadtpolizei eine Shisha-Bar im EKZ geschlossen und wenige Tage später illegale Geldspielgeräte in einem Café beschlagnahmt. "Das wird hier wie im Dicken Busch II", bemerkt eine Anwohnerin. Das Hinweisschild mit der Aufschrift "Einkaufszentrum Dicker Busch I" könne man entfernen. Der letzte Lebensmittelladen im EKZ habe vor etwa zehn Jahren dichtgemacht.

Froh sind die Bewohner über die Hubertus-Apotheke in der Brandenburger Straße. Eine Mitarbeiterin hält mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg: "Als das Kiosk mit DHL-Shop noch da war, hatten wir etwas Laufkundschaft." Die Situation habe sich etwas entspannt, weil ein Allgemeinmediziner im Oktober vergangenen Jahres nebenan seine Praxis eröffnet hat. Die Kundenfrequenz reiche dennoch nicht aus. Sie wünscht sich einen Einkaufsladen im EKZ, auch damit sich die älteren Bewohner fußläufig mit dem Notwendigsten versorgen können.

Walczuch weist darauf hin, dass viele Probleme hausgemacht sind. Wer zum Beispiel nicht vor seiner eigenen Haustür einkaufe, trage dazu bei, dass diese Geschäfte schließen müssen. Beim EKZ komme erschwerend hinzu, dass die Geschäfte unterschiedlichen Privateigentümern gehörten und die Stadt keinen Einfluss auf die Vermietung habe. Dennoch räumt er ein, dass ein gezieltes Stadtmarketing den Standort für die gewünschten Mieter attraktiver gestalten könnte. "Die Stadt hat doch kein Geld", winkt Weigel ab. Der Zynismus ist kaum zu überhören.

Warum die Gewobau im Masurenweg 9 und 5 - 7 zwei Wohnhäuser abreißen und neu bauen möchte, verstehe er nicht. Die Häuser seien mitnichten baufällig. Die Stadt plant, in den Neubauten eine Kindertagesstätte und Wohnungen für Familien und Senioren einzurichten, um "wichtige soziale, ökologische und städtebauliche Ziele" zu erreichen. Die Anwohner bleiben skeptisch.

Alexandridou erzählt davon, wie sie abends in ihrer Straße verbale Angriffe auf Passanten beobachtet habe. "Du bist ein Nazi!", habe einer gerufen. Bisher hätten sich die Angesprochenen nicht provozieren lassen - doch wie lange noch?, fragt sie sich. "Wir fühlen uns hier nicht mehr wohl." Nach vielen Jahren überlegten sie und ihr Mann, fortzuziehen. Nur sehr ungerne, wie sie beteuert. Schließlich ist dieser Ort ihre Heimat. Doch: "Alea iacta est", der Würfel ist gefallen, wie schon die alten Römer zu sagen pflegten. dit

Das Interesse der Anwohner am WsR-Ortstermin ist groß. Sie wollen, dass Sorgen und Nöte ernst genommen werden.

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