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Für viele eine Überwindung: Das Handy während der Fastenzeit einfach mal links liegen lassen.

Verzicht

Heute beginnt offiziell die Fastenzeit - Auch den Geistlichen fällt es nicht immer leicht zu verzichten

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Sieben Wochen sind eine lange Zeit. Trotzdem gehen jedes Jahr viele Gläubige und auch Nicht-Gläubige das Experiment „Fastenzeit“ wieder an, jeder auf seine Weise. Wir haben Rüsselsheimer Pfarrer nach ihren Tipps gefragt.

Einige gehen im Supermarkt sehr schnell und mit Blick auf den Boden am Süßigkeitenregal vorbei, manche wenden sich wehmütig ab, wenn die Freunde das Bierglas heben und andere installieren auf ihrem Smartphone eine App, die alle Funktionen – außer vielleicht Telefonieren – unterbindet. Frohlocket, es ist Fastenzeit!

Vierzig lange Tage

Ab heute bis zum Karsamstag nehmen sich viele vor, auf etwas zu verzichten, von dem sie wissen, dass es im Alltag einen zu großen Stellenwert eingenommen hat. „Fasten hat geschichtlich gesehen eine starke Bedeutung für die Katholiken“, sagt Pfarrer Sebastian Gerisch von der evangelischen Luthergemeinde. Reformatorisch gesehen gebe es von Jesus keinen Aufruf zum Fasten, dennoch kenne er einige evangelische Rüsselsheimer, die sich bewusst etwas verwehren.

„Kompletten Verzicht gibt es selten, meist sind es überschaubare Sachen“, so Gerisch. Das könne beispielsweise Fleisch sein oder Alkohol.

Mehr Infos: Fasten: Alles rund um die Fastenzeit

„Manche nehmen sich auch mehr Zeit für die Familie, für Freunde“, weiß Pfarrer Michael Eich von der Pfarrei Heilige Familie. „Oder man fährt mal mit dem Fahrrad statt mit dem Auto.“

Sein evangelischer Kollege Thomas Siegenthaler von der Evangelischen Kirchengemeinde Königstädten meint, zu schauen, was man selbst anders machen könnte, sei Teil des Prozesses. „Ich verzichte zum Beispiels meist auf Alkohol oder Schokolade“, sagt er. Da sei es dann aber wichtig, etwas als Ausgleich dagegenzusetzen. „Etwas anderes bewusst tun, zum Beispiel spazieren zu gehen.“

Tee statt Alkohol

Auch Pfarrer Eich verzichtet auf Alkohol. „Außer am Sonntag, da wird ausgesetzt.“ Insgesamt fastet man 40 Tage lang, die Sonntage sind hier schon nicht einberechnet. Leicht falle es Eich nicht immer, aber einen Tipp hat er, wenn man doch mal in Versuchung gerät. „Ich trinke abends einfach mehr Tee.“

Pfarrer Gerisch kennt das Dilemma. Er verzichtet in diesem Jahr neben Süßigkeiten auf Konsum, will nichts bei Amazon bestellen. „Das wird mir schwerfallen“, weiß er jetzt schon. Aber etwas Leichtes zu wählen, wäre zu einfach gewesen. „Das ist Selbstbetrug“, findet er.

Bewusster Verzicht sei gut, um zu merken, was man hat und was einem gut tut. Sich bewusst mit seinem Verhalten auseinanderzusetzen, sei sein Element des Fastens. „Es kommt darauf an, etwas zu finden, auf das man sich konzentrieren kann“, sagt er. „Man kommt dann ein Stück weit zur Ruhe, und darauf kommt es an.“

Einen weiteren Rat hat Gerisch: nicht zu verbissen sein. „Als Menschen können wir nur scheitern, wir sind ja nur menschlich“, sagt er. Wenn er sich also während der kommenden sieben Wochen doch mit einer Tüte Gummibärchen erwischen sollte, weiß er: „Ich habe nicht komplett versagt, ich bin nur schwach geworden.“

Und im besten Fall merkt man nach der Fastenzeit ja vielleicht: Ich kann weitere darauf verzichten, es macht mir nichts aus. Sebastian Gerisch kennt so eine Erfolgsgeschichte, er hat sie vor neun Jahren selbst erlebt. „Da habe ich Zigaretten gefastet“, erzählt er. „Es hat funktioniert! Ich habe gemerkt, ich brauche sie nicht mehr.“ Einen Versuch ist es also allemal wert.

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