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Zusammen mit dem Berliner Galeristen Norbert Bunge hat Beate Kemfert die Ausstellung Antanas Sutkus kuratiert.

Opelvillen

Bilder voll emotionaler Wucht: Die Fotos von Antanas Sutkus ziehen die Betrachter in ihren Bann

Bis zum 28. April zeigen die Opelvillen Fotografien des litauischen Künstlers Antanas Sutkus. Dass diese die Betrachter, auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, ganz unvermittelt ansprechen, zeigte sich bei der Eröffnung der Ausstellung.

„Gucken Sie sich doch mal diesen Jungen an. Er ist leicht verängstigt und sucht Orientierung bei dem großen Mann“, sagt Jochen Bender sichtlich ergriffen, „man möchte ihm helfen, ihn an die Hand nehmen.“ Bender steht vor einem Bild des litauischen Fotografen Antanas Sutkus, dessen Arbeiten noch bis zum 28. April in den Opelvillen zu sehen sind.

Die Fotografie zeigt einen kleinen Jungen, der zu einem Mann hochblickt. Dieser wendet ihm den Rücken zu und schaut direkt in die Kamera. Den Jungen scheint er nicht zu beachten. Der Eindruck der Hilflosigkeit wird noch verstärkt durch die Perspektive des Fotografen. Er muss leicht erhöht gestanden haben, was den Bub noch kleiner und hilfloser wirken lässt.

Voller Menschlichkeit

Noch bis zum 28. April zeigen die Opelvillen Fotografien des litauischen Künstlers Antanas Sutkus. Dass diese die Betrachter, auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, ganz unvermittelt ansprechen, zeigte sich bei der Eröffnung der Ausstellung. Es habe in den Opelvillen schon viele tolle Fotoausstellungen gegeben, aber noch keine habe ihn so angesprochen wie diese, sagt Bender. Und er kann sich ein Urteil erlauben, schließlich ist seine Frau Doris seit Stunde Null Mitglied im Führungsteam des Hauses und er regelmäßiger Besucher. „Die Fotos sind so voller Menschlichkeit und Empathie, das ist einfach unvergleichlich“, sagt er noch, bevor er seinen Rundgang fortsetzt.

Ähnlich emotional klingen die Worte Brigitte Brescianis. Sie betrachtet ein Bild, das bei einem Auswahlverfahren für eine Kunstschule entstanden ist. Junge Mädchen stehen – nur in Unterwäsche gekleidet – in einem Klassenzimmer und warten. „Dieses Mädchen tut mir so unendlich leid, wie es so da steht“, sagt sie und deutet auf das Kind ganz rechts. Unbewusst hat Bresciani fast die gleiche Haltung eingenommen. „Dass sie mit nacktem Oberkörper dastehen muss und nicht weiß, was aus ihr wird, das macht traurig“, ergänzt sie.

Schon im Katalog ist der Frankfurter Galeristin Anita Beckers dieses Bild aufgefallen.

Doch Sutkus’ Bilder wecken auch positive Emotionen. Anita Beckers, Galeristin aus Frankfurt, steht vor einer Abbildung eines kleinen Mädchens, das sich an die Hand eines Erwachsenen schmiegt. „Das strahlt so viel Sicherheit und Geborgenheit aus“, findet Beckers. Solche Momente müsse man aber auch erst einmal erkennen, sagt sie. Dieses Foto sei ihr schon in einem Fotobuch von Sutkus aufgefallen. Überhaupt seien die Kinderbilder die schönsten.

Der Künstler wäre gerne selbst zur Eröffnung der Ausstellung erschienen, berichtet Kuratorin Beate Kemfert bei ihrer Begrüßung den zahlreich erschienenen Gästen. Es sei ihm ganz weh ums Herz, doch der Arzt habe von der Reise abgeraten. Deshalb macht sie mit ihrem Handy kurzerhand einige Fotos von den dicht besetzten Reihen, um sie dem 80-Jährigen per Internet zu übermitteln. „Das wird ihn freuen“, ist sie sich sicher.

Mit entwaffnender Offenheit verrät Kemfert dann, dass sie bis vor kurzem noch gar nichts von Sutkus gewusst habe. Selbst nach 2017, als Sutkus den renommierten Erich-Salomon-Preis – eine Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Photographie für herausragende Leistungen im Bildjournalismus – erhalten habe, sei ihr der Name nicht im Gedächtnis geblieben.

Bekanntheit verblasst

Das berühmteste Bild des Fotografen hingegen sei ihr schon lange bekannt gewesen. Durch eine Aufnahme von Jean-Paul Sartre war Sutkus 1965 über Nacht bekannt geworden. Es zeigt den Philosphen am Ostseestrand von Nida und wurde zu einer, auch heute noch, viel zitierten Foto-Ikone. Sutkus’ Bekanntheit hingegen verblasste mit den Jahren. Im sozialistischen Litauen war seine Art zu fotografieren nicht erwünscht, und nach der Wende wollte Sutkus nicht mehr fotografieren.

Kemfert habe irgendwann wissen wollen, wer der Mann hinter dem Foto sei, und so habe die Ausstellungs-Idee ihren Anfang genommen. In Rüsselsheim werden ausschließlich Silbergelatine-Vintage-Prints gezeigt, die Kemfert zusammen mit dem Berliner Galeristen Norbert Bunge aus verschiedenen Privatsammlungen zusammengetragen hat.

von MARAIKE STICH

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