Bittere Armut eines stolzen Volkes

Um Griechenland ist es still geworden. Die Finanzkrise wird längst von Schlagzeilen um Flüchtlingspolitik und Terror überholt. Doch das Leid der Griechen geht weiter, wie ein außerordentlicher Film zeigt.

Groß-Gerau. In Griechenland ist Armut Normalzustand. Wer nicht arm ist, ist steinreich. Dazwischen gibt es nichts. Im Kulturcafé war ein Film zu sehen, der den Teufelskreis aus Misswirtschaft und strittiger Politik, der seit 2009 das Leben der Griechen lähmt, hautnah heranholt. Porträtiert werden Menschen, die einst zum Mittelstand gehörten.

Auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, des Dekanats und der Kreisvolkshochschule zeigte die Filmemacherin Hanna Hoeft ihren 2013 gedrehten Dokumentarfilm „Eine Reise“. Sie erinnert damit an das Land, das neben aktuellen Nachrichten aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Es scheine fast, Europa habe es preisgegeben, wurden Stimmen im Publikum laut. Manche Besucher sinnierten, ob an Griechenland ein Exempel statuiert werde, um auszukundschaften, wie weit man eine Gesellschaft vom Mittelstand an abwärts verarmen lassen könne. „Mal sehen, was uns noch bevorsteht“, hieß es.

Kaum zu glauben, was der Film mit Blick hinter die Türen aufzeigt: Griechenland, erdrückt von horrender Verschuldung, erlegt seinem Volk Steuer- und Preiserhöhungen auf, wobei gleichzeitig Gehaltskürzungen angeordnet werden. Verarmung grassiert. Hinter Stacheldraht und getönten Autoscheiben entziehen sich die Superreichen dem Zugriff und der Verantwortung. Die Regierung stehe für Stillstand, sei ein wackeliges Konstrukt aus linkem Ministerpräsidenten – Alexis Tsipras – und Rechtsextremen, hieß es: Desolate Zustände im Geburtsland der Demokratie.

Hoeft, deren griechischer Stiefvater Kostas Papoutsakis ihr in Athen die Türen öffnete, sagt: „Ich wollte das wahre Gesicht hinter dem zeigen, was Medien berichten. Dafür habe ich typische, mittelständische Menschen vor die Kamera geholt.“ Hoeft lässt Menschen zu Wort kommen, lässt Junge, Alte und Kranke erzählen. Die Not kriecht dem Zuschauer aus allen Löchern entgegen: Löcher in den Portemonnaies, Löcher in der Kranken- und Arbeitslosenversorgung, Löcher in nicht restaurierten Häusern und Löcher im Magen. „Nachts sieht man Menschen auf Straßen liegen, die noch vor kurzem mittelständisch lebten“, fasst Hoeft in Worte, was die Kamera zeigt.

Als in der Diskussion nach der Vorführung der Satz „Arm, aber glücklich“ fiel, ging einigen Zuhörern der Hut hoch. Es gab scharfe Gegenreden. Auch Einwürfe von Ägäis-Urlaubern, die meinten, „es sei doch dort gar nicht so schlimm“, man habe freundliche Griechen getroffen fanden wenig Verständnis. „Sie werden als Urlauber keinen treffen, der klagt. Die Griechen sind ein stolzes Volk“, antwortete Hoeft. cma

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