Radverkehrsbeauftragte

Brit Scherer: "Ich kenne jede Straße in Rüsselsheim"

Radfahren macht Freude. Hat aber auch einen ganz praktischen Nutzen, sagt Brit Scherer. Und das sagt sie im Interview mit Redakteur Olaf Kern nicht nur, weil sie Radfahrbeauftragte ist, sondern aus Überzeugung.

Frau Scherer, wie oft fahren Sie in der Woche mit dem Fahrrad?

BRIT SCHERER: Jeden Tag. Immer wenn es geht, und zur Arbeit sowieso.

Haben Sie überhaupt ein Auto?

SCHERER: Ja, aber das benutzen die Kinder jetzt. Ansonsten steht es mehr rum, als das es gebraucht wird.

So ganz darauf verzichten wollen Sie dann auch nicht?

SCHERER: Nein. Das wäre auch unrealistisch. Das Auto ist in gewissen Situationen sehr praktisch. Es wäre aber schön, wenn man das Fahrrad mehr benutzen würde. Ich merke ja selber, man hat so viel Freude daran.

Was sind denn die Vorteile?

SCHERER: Ich bekomme den Kopf frei. Morgens fahre ich schon in der frischen Luft los, treffe auf dem Weg vielleicht ein paar Bekannte, die ihre Hunde gerade ausführen. Das macht doch Spaß. Dann fängt der Tag schon gut an. Außerdem tue ich etwas für die gute Luft, für weniger Lärm, für eine stressfreiere Stadt.

Fahren Sie auch im Winter?

SCHERER: Im Winter ganz besonders. Ich kann es überhaupt nicht ausstehen, wenn mein Auto beschlagen oder vereist ist. Da ist es doch einfacher, mit dem Rad schnell zum Rathaus zu fahren als stundenlang das Auto frei zu kratzen. Früher habe ich auch viele Ausreden gehabt. Mittlerweile fällt es mir überhaupt nicht mehr schwer.

Zum Radfahren gehören aber auch gut ausgebaute Wege und ein fahrradfreundliches Klima. Ist Rüsselsheim eine fahrradfreundliche Stadt?

SCHERER: Ja, eigentlich schon seit über 20 Jahren. Wir haben mehrere Kollegen, die sehr Fahrrad-affin waren. Mit dem ehemaligen Stadtrat Leyer hatten wir außerdem einen Mann, der viel für den Radverkehr getan hat. Davon zehrt man noch heute. Es sind viele Radwege da. Sie sind aber auch teilweise in die Jahre gekommen, aber bei diesen muss man eben die Oberflächen, aber auch die Radwegbreiten auf die neuen Bedürfnisse angepasst, erneuern

Erklären Sie uns: Wie wird man denn Radfahrbeauftragte?

SCHERER: Ich bin das zu allererst als Bürgerin der Stadt geworden. Und dann als Mitarbeiterin des Rathauses, die gerne Fahrrad fährt. Ich kenne die Verwaltung. Ich kenne aber auch jede Straße in Rüsselsheim aus meiner Haupttätigkeit im Tiefbauamt. Mein Augenmerk hat sich deutlich verändert und ist verstärkt auf die Radfahrwege gerichtet. Jetzt schaue ich viel intensiver auf deren Zustand.

Wir erklären Sie sich den anhaltenden Fahrrad-Boom in der Gesellschaft, aber auch in der Politik, die sich immer mehr des Themas anzunehmen scheint?

SCHERER: Es ist doch klar: Wir sehen die ganze Umweltzerstörung und die Veränderung im Klima und denken uns ja alle: Was können wir ändern? Das erste, was einem einfällt, ist das Auto stehen zu lassen und auf das Rad umzusteigen. Zumindest für die kurzen Wege. Rüsselsheim ist so prädestiniert dafür. Dazu muss man sagen: Es gibt gerade so viele Fördergelder, Initiativen und Hilfestellungen für Kommunen, was den Radverkehr betrifft. Wenn wir das jetzt nicht nutzen, wann dann? Wir könnten womöglich sonst den Zug verpassen.

Also eine Auto-Stadt wie Rüsselsheim, die in Zukunft auf das Fahrrad setzt, muss sich Ihrer Meinung nach nicht ausschließen?

SCHERER: Nein: Auf keinen Fall. Opel war früher selber Fahrradbauer. Ich suche schon seit langem eine historische Aufnahme, auf der zu sehen ist, wie die Opelaner mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Aber schauen wir doch in die Niederlande. Dort fährt jeder Fahrrad. Es fahren aber auch viele mit dem Auto. Und beides geht. Der Radverkehr hat dort einen anderen Stellenwert.

Was könnte man tun, um das Fahrradfahren in Rüsselsheim zu erleichtern?

SCHERER: Man kann noch ganz viel tun. Zum Beispiel überall Radabstellanlagen aufstellen. An den Einkaufszentren oder am Bahnhof verstärkt. Gerade jetzt, da auch die E-bikes aufkommen. Wir müssen aber auch für qualitativ gute Radwege sorgen. Momentan huppelt man so vor sich hin. Eine Erschütterung ohne Ende. Das ist das A und O, die Oberflächen der Radwege zu ebnen.

Was noch?

SCHERER: Hinzu kommt, die Sicherheit an den Kreuzungen zu verbessern. Aus Sicht des Radfahrers, aber auch der Auto- und Lkw-Fahrer. Am meisten könnte man aber etwas an den Schulen bewegen. Es gibt so viele Kinder, die mit dem Rad zur Schule fahren. Aber unter welchen Bedingungen? Die Eltern haben Angst um ihre Kinder, weil es nicht sicher genug ist. Gerade vor den Schulen müssen wir bewusst machen, dass die vielen Eltern-Taxis eine Gefahr darstellen. Vor den Schulen möchte ich deshalb Fahrradstraßen initiieren. Dass die Kinder zum Beispiel nebeneinander fahren können. Und nicht mehr mit dem Auto teilweise bis vor die Tür gefahren werden. Die Mütter steigen dann mit aus, machen den Kofferraum auf, holen den Schulranzen raus und setzen den Kindern noch den Ranzen auf. Bald ist die Selbstständigkeit wirklich total hin. Halteverbote werden sowieso missachtet. Verrückt. So was geht gar nicht.

Die Verkehrsdezernentin geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie fordert die autofreie Innenstadt. Ist das realistisch?

SCHERER: Warum nicht? Das gibt es in anderen Städten ja auch. Mit richtigen tollen Konzepten. Nicht nur in Münster. Wir klagen über Parkplatznot, darüber, dass in den Geschäften nichts los ist. Wenn man mit dem Fahrrad unterwegs wäre, gebe es diese Probleme nicht.

Dazu müsste man Straßen für den Autoverkehr schließen.

SCHERER: Jeder muss mit dem Auto Zugang zum Haus haben, das muss man gewährleisten. Für Feuerwehr und Einsatzkräfte sowieso. Aber man müsste das übrige Autofahren unattraktiv machen. Es muss doch keine Durchgangsstraßen mehr geben. Oder nehmen sie das Beispiel „Motorworld Manufaktur“, die jetzt geplant ist. Ich kenne die Verkehrsplanung dafür noch nicht, aber eigentlich ist dies ja ein Projekt, mit dem man den Autoverkehr wieder in die Innenstadt holt, statt ihn herauszuhalten. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll? Ein sicherer Radverkehrsweg muss nn im Verkehrskonzept der Motorworld enthalten sein. Genauso verstehe ich es nicht, warum die ganzen Autos auf der Mainzer Straße stehen? Wir haben doch eine Stellplatzsatzung, die für jeden verpflichtend ist. Anmerkung: Da es ein Tempo 30 Bereich ist, kann kein Radweg gebaut werden. So muss ich mich als Radfahrer an den abgestellten Autos vorbeidrängeln. Das muss ja nicht sein. Wir müssen es aber erst in den Köpfen der Menschen haben. Die autofreie Stadt – das muss etwas Freiwilliges sein. Die Menschen aus Rüsselsheim müssen das auch wollen.

Wenn Sie einen Traum hätten, welcher wäre das?

SCHERER: Ich möchte gerne im Lotto gewinnen, und zwar den Euro-Jackpot, und diese Millionen Euro hier in der Stadt in Radwege investieren – und in Sportzentren. Dass alle Kinder sich auch motorisch entwickeln können.

Wenn sie Wahl hätten: Ein Auto kaufen oder lieber ein Lastenrad. Wofür würden Sie sich entscheiden?

SCHERER: Lieber ein Lastenfahrrad.

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