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Bettina Bremer (links) und Christel Göttert arbeiten seit 17 Jahren eng zusammen.

Christel Göttert

Mit Büchern Politik machen

Vor 25 Jahren veröffentlichte Christel Göttert ihr erstes Buch im eigenen Frauenverlag. Seither sind rund 100 Bücher von Frauen für die Welt entstanden. Wie eng die Arbeit des Verlags mit der Entwicklung der Frauenbewegung zusammenhängt, wird bei einem Rückblick deutlich.

„Es war gar nicht in meinem Denken, dass ich Bücher veröffentliche“, sagt Christel Göttert. Ziel ihrer Tätigkeit als Verlegerin war vielmehr die logische Konsequenz aus der Motivation heraus, weibliche Freiheit in der Welt zu vermehren. Als großes Glück empfindet es die Rüsselsheimerin, die Gründung des Frauenforums und Frauenzentrums in Rüsselsheim miterlebt zu haben. Durch ihr politisches Engagement erweiterte sie ihr Bewusstsein und stellte fest, dass Menschen unterschiedliche Zugänge zur Welt haben. So entstand das Interesse, mehr über das Denken von Frauen zu erfahren. Texte von und über Männer gab es viel. Hingegen fehlte Literatur darüber, was Frauen bewirken, auch wenn sie hierfür keine Wertschätzung erfahren.

Als sich vor 40 Jahren das Frauenforum gründete, war das „der Beginn von Frauen, die sich trafen, um dem Wunsch nachzugehen, sich mit Frauen über das Frausein auszutauschen und dabei den Blick darauf, wie Gesellschaft funktioniert, einzubeziehen“, erklärt Göttert. Das Angebot des Frauenverlags im Jubiläumsjahr reflektiert die Geschichte der Frauenbewegung auch als Teil der Frauenselbsthilfebewegung.

Göttert war acht Jahre lang

Stadtverordnete

und kannte sich mit der realen Politik und Gewerkschaftsarbeit aus. Sie ist Mitbegründerin von Wildwasser (eine Beratungsstelle für von sexuellem Missbrauch Betroffene), dem Kinderschutzbund und dem Frauenzentrum, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert. In verschiedenen politischen Gremien sammelte sie Erfahrungen, die sie nutzte, als sie 1992 mit 50 Jahren ihren Verlag ins Leben rief.

Das erste Buch mit dem Titel „frauen-art“ porträtiert Künstlerinnen, die zwischen 1987 und 1991 im Frauenzentrum ihre Werke ausstellten. Herausgeberin war die VHS Rüsselsheim und Ziel der Veröffentlichung dieser Dokumentation war es, dafür zu sorgen, dass nichts in Vergessenheit geriet. So ging die politische Arbeit mit dem Ziel, das Leben von Frauen in allen Facetten festzuhalten, durch den Verlag weiter. „Und das nicht mit dem Gedanken, Verlegerin werden zu wollen“, unterstreicht Göttert. Sie sehe dies eher als politische Aufgabe, bei der es darum gehe, die Thematik stärker als bisher zu berücksichtigen.

Schwerpunkt der Verlagsarbeit ist die Philosophie der Differenz, was bedeutet „unter Achtung der Verschiedenheit aller Menschen, ein gemeinsames gesellschaftliches Leben gestalten zu können“. Zu allen relevanten gesellschaftlichen Themen gilt es, auch die weibliche Sichtweise zu berücksichtigen. Diese Denkweise gilt es zu üben und zu lernen. Themenbereiche des Verlags sind Frauengeschichte und -biographien, Matriarchatsforschung, Philosophie aus Frauensicht sowie Frauenliteratur und -ratgeber. Mit den Veröffentlichungen des Verlags sollen Diskussionsebenen geschaffen werden. Als Beispiel nennt Göttert die fürs Frühjahr 2018 geplante Übersetzung „Türkan Saylan – Feministin, Bürgerrechtlerin und Ärztin“ von Zehra Ipsiroglu – ein Buch, das sich mit der türkischen Zivilgesellschaft aus Sicht einer Türkin befasst, die sich jahrzehntelang für Frauenbildung und Demokratisierung einsetzte.

Vor 17 Jahren war Bettina Bremer, die seitdem als freie Lektorin für den Christel Göttert Verlag arbeitet, auf die Bücher des Verlages aufmerksam geworden. „Es war ein gemeinsames Wollen“, das die beiden Feministinnen zusammenbrachte. Auch Bremer, die Germanistik und Politik studiert hat, wollte mit Büchern Politik machen.

Das Verhältnis zwischen Verlegerin und Autorinnen entspricht der Philosophie, jede in ihrer Person zu achten und in die

Verlagsfamilie

zu integrieren. Neben Lektorin Bettina Bremer sind weitere Frauen als freie Mitarbeiterinnen in die Verlagsarbeit integriert. Christine Traiser arbeitet als Grafikerin, Kerstin Weber als Setzerin für den Verlag.

Anlässlich des Verlagsjubiläums erfüllt sich Christel Göttert einen lange gehegten Wunsch und bringt „Die Sprache unserer Ursprungs-Mutter MA“ von Annine van der Meer heraus. Der Band vermittelt die Entwicklung des Frauenbildes in 40 000 Jahren globaler „Venus“-Kunst. Ein wichtiger Bereich, zu dem der Verlag veröffentlicht, ist auch die Matriarchatsforschung – Literatur zu einer Gesellschaftsordnung, in der die Frau die führende Stellung im Gemeinwesen und der Familie inne hat. „Matriarchatsforschung ist für uns deswegen ein so wichtiges Gebiet, weil sie einerseits historische Wurzeln aufzeigt und andererseits in der Jetztzeit Gesellschaften betrachtet, die, alternativ zu unserer patriarchalen Gesellschaft, nach matriarchalen Strukturen leben“, erläutert Bremer.

Das Programm des Verlags, der „Bücher von Frauen für die Welt“ veröffentlicht, kann im Internet eingesehen werden unter

lag.de.

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