Matthias Vogt, Daniel Stelter und Demian Kappenstein (von links) bieten im Großen Haus des Theaters ein stimmungsvolles Konzert. Foto: Peter Schneider
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Matthias Vogt, Daniel Stelter und Demian Kappenstein (von links) bieten im Großen Haus des Theaters ein stimmungsvolles Konzert.

Konzert

Cineastische Suite mit Anspruch

Endlich wieder Live-Musik: Matthias Vogt und Band überzeugen im Stadttheater mit ihrem Programm "Pianissimo"

Rüsselsheim -Das Tal der kulturellen Dürre scheint endlich fast durchschritten und wohl jeder Kulturgourmet freut sich auf die kommenden Konzerte im Rüsselsheimer Kultursommer. Einen ersten Vorgeschmack gab es gestern bereits im Großen Haus des Stadttheaters, wo der kreative Rüsselsheimer Musiker Matthias Vogt sein schon mehrfach Pandemie-bedingt verschobenes Projekt "Pianissimo" vorstellte.

"Das ist fast ungewohnt, so was in echt und mit Menschen zu machen", befand Vogt bei der Begrüßung, die auch den Dank an die vielen Menschen und Institutionen wie etwa die Jazzfabrik und die Kulturförderung einschloss, welche die komplexe und aufwendige Idee erst möglich machten.

Ausgefeiltes Gesamtkunstwerk

"Pianissimo" entstand zuerst als musikalische Klavierkomposition noch in Vorpandemiezeiten, um dann im Verlauf der folgenden Monate zu einem ausgefeilten Gesamtkunstwerk heranzureifen. Hier ging's nicht etwa um ein simples Jazz-Konzert - das sicher auch seine Reize hat - sondern um viel mehr: Ein Kaleidoskop an akustischen und elektronischen Klängen wurde wirkungsvoll durch Visual Arts, also bewegte Bilder von Sebastian Rieker ergänzt.

Die Videosequenzen, oft in Schwarzweiß, zeigten düstere, häufig leblose Landschaften, gerne auch im Schnee oder mit industriellem Kontext, eine kalte und oft feindliche Welt. Keine Strände mit Sonne, sondern Schlaglichter einer technisierten und zerstörerischen Umwelt.

Diese düsteren Impressionen wurden passend durch die Musik angeschoben, die ebenfalls eher Moll-koloriert daherkam. Mit seinen Mitmusikern, dem Ingelheimer Spitzengitarristen Daniel Stelter und dem höchst originellen Drummer Demian Kappenstein wurde oft ein monotoner Rhythmus oder ein repetitives Sequenzermotiv grundiert, um darüber eine dunkle atmosphärische Stimmung zu legen.

Zwar war da auch mal ein Reggae-Rhythmus im Zwei-Viertel-Takt dabei oder ein eher konventioneller Abschnitt im Vier-Viertel-Takt, doch zumeist zeigte sich das Geschehen klanggewaltig-dräuend. Langweilig wurde das dank der einfallsreichen Spielweise der Musiker nicht.

Alle drei sind nicht nur Könner am Instrument, sondern nutzten ihre kreative Freiheit in der ansonsten gut orchestrierten Performance für eine originelle Umsetzung mit einer Vielzahl von Klangfarben. Drummer Kappenstein entlockte seinem Kit mit elektronischer Unterstützung etliche selten gehörte Töne, die auch Daniel Stelter auf der akustischen wie der elektrischen Gitarre nicht fremd waren. Matthias Vogt packte vom lyrischem Flügelton bis zum Industrial-Stampfer ebenfalls sein breites Klangarsenal im akustisch wie immer hervorragenden Klangraum des Großen Hauses aus.

Mehrsprachige Einspieler

Der Clou des Ganzen allerdings waren mehrsprachige akustische Einspieler von Freunden und Bekannten des Bandleaders, die aus unterschiedlichen Perspektiven und Lebensphasen zu Umweltfragen und Gefühlslagen - hierzu hatte Matthias Vogt einen Interviewkatalog erarbeitet - jeweils kurze Statements abgaben, ohne jedoch eine Message vor sich her zu tragen.

Das war ein bereicherndes, ernstes Konzept, das den Status der geschundenen Umwelt ganz ohne Lamento, aber in schlichter Realität abzubilden wusste. Ein ambitionierter, doch gelungener Abend, der den Zuhörern einiges an Aufmerksamkeit abverlangte und irgendwann sogar durch eine Printversion ergänzt werden soll. Peter Schneider

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