Der Rüsselsheimer Taxi-Unternehmer Tanveer Ahmad neben seinem Wagen: der Umsatz brach zuletzt für ihn besorgniserregend ein.
+
Der Rüsselsheimer Taxi-Unternehmer Tanveer Ahmad neben seinem Wagen: der Umsatz brach zuletzt für ihn besorgniserregend ein.

Rüsselsheim

Corona und Lockdown bringen Taxifahrer an den Rand der Verzweiflung

Wenn alle zu Hause bleiben sollen, wer braucht dann noch ein Taxi? Ein Taxifahrer aus Rüsselsheim bekommt die Corona-Krise hautnah zu spüren.

Rüsselseim - Das Geschäft mit Taxis war bereits vor Corona keine Lizenz zum Gelddrucken: Ein hoher Konkurrenzdruck sorgte auch in Rüsselsheim dafür, dass die Zähleruhr oft genug stand statt lief. Doch als sich Tanveer Ahmad 2012 als Taxiunternehmer selbstständig machte, hatte er eine tolle Idee: Mit der Bezeichnung „Go 24“ hatte er auch die Aufmerksamkeit von englischsprachigen Kunden. Und die kamen über Opel und die mittlerweile vielen internationalen Unternehmen oft und reichlich nach Rüsselsheim - in der Regel über Frankfurt Airport.

Und mit „Flughafentransfer“ als weiteren Namenszusatz erschloss der gebürtige Pakistani ein weiteres, lukratives Betätigungsfeld. Die Taxis von Tanveer Ahmad rollten. Er beschäftigte zwei festangestellte Fahrer und zwei Aushilfen. Doch dann kam Corona. Wenn man sich mit Tanveer Ahmad unterhält, bemerkt man schnell, dass sich der heute 34-Jährige bei aller Freundlichkeit und Zurückhaltung am Rande der Verzweiflung bewegt.

Taxifahrer aus Rüsselsheim ist seit Corona rund um die Uhr erreichbar

„Bei der ersten Corona-Welle wollte kaum noch einer Taxi fahren aus Angst vor einer Ansteckung im engen Innenraum des Fahrzeugs“, berichtet er. Die Folge: Der Umsatz brach massiv ein. Als sich im Mai, spätestens Juni, das Leben bei glücklicherweise stark rückläufigen Infektionszahlen wieder halbwegs normalisierte, konnte sich die Taxibranche dennoch nicht erholen. Meetings hatten sich vom Büro ins Digitale verlagert, Urlaubsreisen mit dem Flugzeug blieben weit hinter den Vorjahreszahlen zurück.

„Früher konnte ich zwei oder dreimal im Jahr das Handy ausschalten und wenigstens für eine Woche Urlaub machen“, erinnert sich Tanveer Ahmad an diese Jahre. Heute ist er rund um die Uhr erreichbar. Wenn einer um 3 Uhr nachts ein Taxi braucht, setzt sich Tanveer Ahmad selbst ans Steuer. Längst beschäftigt er nur die beiden Aushilfen. „Ich selbst stehe rund um die Uhr zur Verfügung.“

Doch selbst das reiche nicht, um die laufenden Kosten zu tragen. „Drei bis vier Stunden Wartezeit am Bahnhof sind heutzutage normal. Dann kommt eine Fahrt, die weniger als zehn Euro bringt“, beschreibt er die Situation. Daher meidet er den Bahnhof. Tanveer Ahmad setzt auf seine Stammkunden, die ja auch heutzutage immer mal wieder ein Taxi brauchen, beispielsweise bei Krankenfahrten, etwa zur Dialyse oder zur Chemo-Behandlung.

Corona-Krise gefährdet Existenz: Taxifahrer aus Rüsselsheim überlegt, sein Haus zu verkaufen

Besonders bitter für alle Taxiunternehmer in der Region: Durch die Absage der Fastnachtsveranstaltungen ist den Fahrern ein nicht zu unterschätzender Zweig zu 100 Prozent weggebrochen. Auch Tanveer Ahmad und seine Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren nicht wenige Narren zu den Sitzungen innerhalb des Landkreises und auch nach Mainz gefahren und wieder abgeholt. Diese Fahrten, bei denen auch das Trinkgeld etwas lockerer sitzt, gibt es im Corona-Winter 2021 nicht. Einen Vorgeschmack dazu gab es bereits zum Jahreswechsel, wenn normalerweise der Motor fast schon heißläuft. „Aber diesmal lief in der Silvesternacht ab 2 Uhr nichts mehr.“

Was den Vater von vier Kindern ebenfalls zermürbt: Um an Corona-Hilfen zu kommen, sei ein Berg an Bürokratien zu überwinden. Er habe die Angelegenheit an seine Steuerberaterin gegeben, mache sich aber keine große Hoffnung. „Ich bin sowieso nicht der Typ, der staatliche Hilfen kassiert.“ Corona ist längst nicht die einzige Krise im Leben von Tanveer Ahmad. Eine Krebserkrankung setzte ihm erst vor zwei Jahren erheblich zu. Über eine berufliche Alternative denke er zwar nach, doch die Möglichkeiten seien begrenzt. Die Corona-Krise hat ihm jedoch bereits so stark zugesetzt, dass er darüber nachdenkt, sein Haus zu verkaufen. (Ralph Keim)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare