Ramona Schumann Foto: Rüdiger Koslowski
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Ramona Schumann

Interview

Corona: "Depressionen und die Angstsymptome unter Kindern haben zugenommen"

Die Rüsselsheimerin Ramona Schumann führt seit 2018 gemeinsam mit Natascha Brückner eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis in Mainz. Unser Mitarbeiter Rüdiger Koslowski hat mit ihr über die Auswirkungen von Kontakteinschränkungen und Schulschließungen auf Kinder und Jugendliche gesprochen.

Frau Schumann, Kinder und Jugendliche leiden wegen der Einschränkungen unter der Corona-Pandemie. Spüren Sie das auch in Ihrer Praxis?

Ja, wir haben tatsächlich mehr Patienten. Es besteht ein erhöhter Therapiebedarf. Wir können dem Bedarf aber zeitlich gar nicht gerecht werden und nicht genügend Termine anbieten.

Wie erklären Sie sich den erhöhten Behandlungsbedarf?

Mein persönlicher Eindruck ist, dass zu Beginn der Pandemie noch eine "Wir-schaffen- das-Mentalität" herrschte, die Einschränkungen nach dem Sommer dann aber immer länger anhielten.

Mit welchen Symptomen äußert sich denn die Belastung bei den Kindern und Jugendlichen?

Die Depressionen und die Angstsymptome haben zugenommen, was die Kinder selbst mit Corona in Verbindung bringen. Gerade die Kontaktbeschränkungen bedeuten große Einschnitte. Gelingt eine Anpassung nicht, kann das zu Folgeschäden führen.

Können Sie Ursachen und Beschwerden genauer beschreiben?

Beides ist vom Alter abhängig. Kleinen Kindern fehlt die Kindertagesstätte und der Spielplatz. Ihnen wird vermittelt, sich von anderen Menschen fernzuhalten. So können sich Ängste entwickeln. Schulkindern fehlt der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen. Der Alltag ist auf die schulische Anforderung reduziert. Sie sind traurig, haben Ängste, psychosomatische Beschwerden, Kopfschmerzen, aber auch Bauchschmerzen sind die Folgen.

Und wie äußert sich die Belastung bei Jugendlichen?

Die Jugendlichen können sich von ihren Eltern nicht trennen, die Autonomieentwicklung ist erschwert. Sie können sich keiner Peergroup anschließen, keine Beziehung ausprobieren. Bei ihnen stellen wir depressive Symptome, Zukunftsängste, soziale Ängste und Leistungsängste fest.

Nimmt das Elternhaus Einfluss auf die Erkrankung der Kinder und Jugendlichen?

Durch den Verlust des Arbeitsplatzes, durch gestresste Eltern werden kritische Situationen noch verschärft. Es gibt wenig Ausgleich für Anforderungen.

Sind sozial schwache Familien besonders gefährdet?

Bei diesen Familien ist die Schutzfunktion nicht stark ausgeprägt. Ein hohes Bildungsniveau, wirtschaftliche Stabilität und ein reges soziales Umfeld sind protektive Faktoren.

Stimmt es, dass Kinder inzwischen sogar Selbstmordgedanken äußern?

Die Kinder können ihre Verzweiflung nicht anders ausdrücken. Ein Neunjähriger stößt bei seiner Schilderung an gewisse Grenzen, aber dennoch ist das Ausdruck tiefer Verzweiflung. Wir sehen erheblich belastete Familien.

In Rüsselsheim ist kein Kinder- und Jugendpsychiater ansässig. Haben Sie Patienten von dort?

Wie behandeln viele Kinder aus Rüsselsheim, vor allem aus weiterführenden Schulen. In Rüsselsheim gibt es einen Psychologen, das therapeutische und diagnostische Angebot reicht aktuell nicht aus.

Wie behandeln Sie denn Ihre jungen Patienten?

Wir bieten Stütztermine mit regelmäßigen Gesprächsangeboten an, bis eine ambulante Therapie stattfinden kann. Oft können wir nur Brände löschen. Bei akuten Krisen sehen wir die Kinder jeden Tag. Medikamentöse Unterstützung und Kontakte mit Schule und Ämtern bieten wir ebenfalls.

Was wünschen Sie sich denn von der Politik?

Wir brauchen ein Konzept, um die Kinder und Jugendlichen vor der Erkrankung abzuholen. Wir brauchen mehr Fachpersonal an den Schulen und Jugendämtern, die sich vor Ort und bei den Familien ein Bild machen können, die aufklären und Probleme aufdecken können.

Was müsste sich denn bei den Corona-Maßnahmen ändern?

Man muss Kinder und Jugendliche flächendeckend impfen, dazu müsste ein zugelassener Impfstoff verfügbar sein. Die Freizeitmöglichkeiten im Freien sollten ausgebaut werden.

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